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Zahlen und Fakten: Sex- und Pornosucht in Deutschland

Zahlen, Fakten und Quellen für Journalisten

Auf einen Blick

3-5 % der Männer in Deutschland mit problematischem Konsum[1][2]
12 J. Durchschnittliches Einstiegsalter Pornografie[3][4]
80 % der Betroffenen in Behandlung sind männlich[5][6]
~20 J. durchschn. Dauer vom Beginn bis zur ersten Therapie[7]
ICD-11 CSBD (6C72) seit Januar 2022 offizielle Diagnose[8]

Prävalenz & Verbreitung

Studie / Quelle Jahr Stichprobe Zentrales Ergebnis
Briken et al. - GeSiD (German Health and Sexuality Survey) 2022 N = 4.633, bevölkerungsrepräsentativ, DE 4,9 % der Männer und 3,0 % der Frauen erfüllen Lebenszeitkriterien für CSBD nach ICD-11; 12-Monats-Prävalenz: 3,2 % (m) / 1,8 % (w)[1]
Grubbs et al. - Nationally representative US sample 2019 N = 2.075 (davon 1.461 mit Pornokonsum), USA 11 % der Männer und 3 % der Frauen bezeichnen sich selbst als pornosüchtig[2]
Böthe et al. - International Sex Survey 2024 N ca. 82.000, 42 Länder Problematischer Pornokonsum bei 3,2-16,6 % je nach Messinstrument und Land; Männer am stärksten betroffen[9]
Böthe et al. - Deutsch-/Englisch-/Ungarischsprachige Stichproben 2020 N = 9.325, 38 % Frauen Hochrisiko-CSBD: 4,2-7,0 % bei Männern, 0-5,5 % bei Frauen[10]
Stark, Markert et al. - Versorgungsstudie DE 2023 N = 2.070, bevölkerungsrepräsentativ, DE Geschätzte Prävalenz wahrscheinlicher PUD: 4,7 %; Männer 6,3-mal häufiger betroffen als Frauen[16]
Baranowski, Vogl & Stark 2019 N = 485 deutsche Frauen Ca. 3 % mit problematischem Pornokonsum[11]
Pronova BKK - Expertenschätzung 2019 Versichertenbasis, DE Geschätzt 3-5 % der Männer mit Pornosucht; Gesamtprävalenz Sexsucht 3-8 %[12]
Hinweis zur Einordnung: Die Spannbreite (3-16 %) spiegelt unterschiedliche Messinstrumente und Schwellenwerte wider. Bevölkerungsrepräsentative Studien wie GeSiD liegen am unteren Ende; Selbstselektions-Stichproben höher. Als konservative Schätzung gelten 3-5 % bei Männern in Deutschland.

Demografisches Profil

Geschlecht

  • In klinischen Stichproben sind ca. 80 % der Betroffenen männlich. (Kafka, 2010; Reid et al., 2012)[5][6]
  • In Bevölkerungsstudien ist das Verhältnis weniger extrem: GeSiD zeigt ein Verhältnis von ca. 1,6 : 1 (Männer : Frauen) für die Lebenszeitprävalenz.[1]
  • Die deutsche Versorgungsstudie von Stark et al. (2023) fand, dass Männer 6,3-mal häufiger wahrscheinliche PUD aufweisen als Frauen.[16]
  • Experten gehen von einer erheblichen Dunkelziffer bei Frauen aus, da Scham und Stigmatisierung die Offenlegung erschweren.[6]

Einstiegsalter Pornografie

  • Durchschnittlich 12 Jahre beim Erstkontakt mit Pornografie in Deutschland (Medienanstalt NRW, 2023; BZgA-Repräsentativbefragung).[3][4]
  • 35 % der 11- bis 17-Jährigen haben bereits Pornografie gesehen (Medienanstalt NRW, 2023, N > 3.000).[3]
  • 60 % der Mädchen kommen ungewollt in Kontakt, bei Jungen sind es 37 %.[3]
  • EU Kids Online (2019): 42 % der 12- bis 14-Jährigen und 65 % der 15- bis 17-Jährigen in Deutschland hatten Kontakt mit sexuellen Darstellungen.[4]
  • Nur 19 % der 11- bis 13-jährigen Jungen bewerten die meisten Pornos als unrealistisch.[3]

Alter bei Symptombeginn vs. Therapiebeginn

  • Durchschnittlicher Symptombeginn: ca. 18 Jahre.[7]
  • Durchschnittlicher erster Therapiekontakt: Mitte bis Ende 30.[7]
  • Die daraus resultierende Lücke von ca. 20 Jahren wird primär durch Scham, fehlendes Problembewusstsein und mangelnde Versorgungsstrukturen verursacht.[7]

Neurobiologische Evidenz

Belohnungssystem & Toleranzentwicklung

Chronischer Pornokonsum aktiviert das Belohnungssystem (Nucleus accumbens) und führt zu neuroplastischen Veränderungen: Dopamin-Ausschüttung erzeugt Dynorphin-Anstieg, der wiederum die Belohnungsschwelle erhöht. Die Folge ist Toleranzentwicklung - Betroffene benötigen intensivere oder extremere Inhalte für denselben Erregungsgrad. (Love et al., 2015; Jha & Banerjee, 2022)[13][14]

Pornografie wirkt dabei als supranormaler Stimulus, der evolutionär entwickelte Belohnungssysteme überreizen kann - eigene sexuelle Fantasien oder Erlebnisse verblassen im Vergleich.[13]

Strukturelle Hirnveränderungen

Die Studie von Kühn & Gallinat (2014) an 64 Männern zeigte: Je höher der Pornografiekonsum, desto geringer das Volumen der grauen Substanz im Striatum (Belohnungszentrum). Gleichzeitig war die funktionale Konnektivität zwischen Belohnungszentrum und präfrontalem Cortex reduziert - ein Muster, das auch bei Substanzabhängigkeit beobachtet wird.[19]

Draps et al. (2021) bestätigten mittels Diffusions-Tensor-Bildgebung (DTI), dass bei CSBD-Patienten Veränderungen der weißen Substanz vorliegen - insbesondere in der Corona radiata superior und der Capsula interna -, die die Kommunikation zwischen Hirnregionen beeinträchtigen.[20]

Neuronale Reaktivität & Suchtmechanismen

  • Voon et al. (2014) zeigten in einer fMRT-Studie, dass Personen mit zwanghaftem Sexualverhalten bei sexuellen Reizen eine stärkere Aktivierung im dorsalen anterioren Cingulum, ventralen Striatum und der Amygdala aufweisen - ein Muster, das dem von Substanzabhängigen bei Drogen-Cues entspricht.[21]
  • Gola et al. (2017) wiesen nach, dass bei problematischem Pornokonsum eine Dissoziation zwischen „Wanting" (Verlangen) und „Liking" (Genuss) vorliegt: Das ventrale Striatum reagierte übermäßig auf Hinweisreize, die erotische Bilder ankündigten, nicht aber auf die Bilder selbst - ein Kernmerkmal von Suchtverhalten.[22]
  • Seok & Sohn (2015) fanden erhöhte Aktivierung im Nucleus caudatus, Thalamus und dorsolateralen präfrontalen Cortex bei Personen mit problematischem hypersexuellem Verhalten.[23]
  • Banca et al. (2016) dokumentierten eine verstärkte Präferenz für sexuelle Neuheit bei CSBD, vermittelt durch Habituation im dorsalen Cingulum - ein Mechanismus, der die Eskalation zu extremeren Inhalten erklärt.[24]

Konditionierung & Lernmechanismen

Klucken et al. (2016) zeigten bei CSBD-Patienten eine erhöhte Amygdala-Aktivierung während appetitiver Konditionierung sowie eine verminderte Kopplung zwischen ventralem Striatum und präfrontalem Cortex - ein Marker für beeinträchtigte Emotionsregulation.[25]

Das I-PACE-Modell (Interaction of Person-Affect-Cognition-Execution) von Brand et al. (2019) liefert den theoretischen Rahmen: Suchtartiges Verhalten entsteht durch die Wechselwirkung von Prädispositionen, affektiv-kognitiven Reaktionen auf spezifische Stimuli und exekutiven Funktionen - mit einem Ungleichgewicht zwischen ventral-striatalen und dorsolateral-präfrontalen Schaltkreisen.[26]

Überblicksarbeiten

Stark et al. (2018) fassten den Stand der behavioralen Neurowissenschaft zusammen: Die neurobiologischen Auffälligkeiten bei CSBD zeigen Gemeinsamkeiten mit Substanzabhängigkeiten und Glücksspielstörung - insbesondere bei der Verarbeitung sexuellen Materials und bei Unterschieden in Hirnstruktur und -funktion.[27]

DeltaFosB - der molekulare Schalter, der Sucht im Gehirn verankert

Der Transkriptionsfaktor DeltaFosB gilt als eines der am besten erforschten molekularen Bindeglieder zwischen wiederholtem Verhalten und dauerhafter Gehirnveränderung. Was ihn für das Verständnis von Pornosucht so zentral macht: Er erklärt, warum aus einem Gewohnheitsverhalten eine neurobiologisch verankerte Störung werden kann.

Das Grundprinzip: Jede intensive Belohnungserfahrung - ob Droge, Nahrung oder Orgasmus - hinterlässt molekulare Spuren im Nucleus accumbens, dem Kernstück des Belohnungssystems. Die meisten dieser Spuren verblassen innerhalb von Stunden. DeltaFosB nicht. Dieses Protein ist außergewöhnlich stabil: Einmal produziert, bleibt es wochenlang in den Neuronen aktiv und verändert die Genexpression der Nervenzelle. Nestler, Barrot & Self (2001) beschrieben es treffend als einen „sustained molecular switch for addiction" - einen anhaltenden molekularen Schalter, der akute Belohnungsreaktionen schrittweise in stabile Anpassungen umwandelt.[29]

Der Akkumulationseffekt: Bei einmaligem Konsum ist die DeltaFosB-Produktion minimal. Entscheidend ist die Wiederholung: Mit jeder erneuten Stimulation akkumuliert DeltaFosB weiter, weil neues Protein hinzukommt, bevor das alte abgebaut ist. Nestler (2008) zeigte in seiner umfassenden Übersichtsarbeit, dass DeltaFosB nach chronischer Exposition gegenüber praktisch allen bekannten Suchtmitteln im Belohnungssystem angereichert wird - und dort die Empfindlichkeit für Belohnungsreize dauerhaft erhöht.[30]

Der Beweis bei sexuellem Verhalten: Der entscheidende Durchbruch kam durch die Arbeitsgruppe um Pitchers et al. an der University of Western Ontario. In einer Studie von 2010 wiesen sie nach, dass sexuelle Erfahrung bei Ratten zu einer DeltaFosB-Akkumulation im Nucleus accumbens, im medialen präfrontalen Cortex, im ventralen tegmentalen Areal und im Caudate-Putamen führt - denselben Hirnregionen, die auch bei Drogensucht betroffen sind. Wurde DeltaFosB im Nucleus accumbens blockiert, verschwanden auch die langfristigen Verstärkungseffekte des Sexualverhaltens.[31]

2013 ging dieselbe Gruppe noch weiter: Pitchers et al. (2013) demonstrierten, dass sexuelle Erfahrung nicht nur DeltaFosB anreichert, sondern über diesen Mechanismus auch eine Kreuz-Sensitivierung mit Amphetamin auslöst. Ratten mit sexueller Vorerfahrung zeigten eine verstärkte Belohnungsreaktion auf die Droge - ein Effekt, der durch DeltaFosB-Blockade aufgehoben werden konnte. Dieser Befund belegt, dass natürliche und substanzgebundene Belohnungen über gemeinsame neuronale Plastizitätsmechanismen mit DeltaFosB als Schlüsselmediator wirken.[32]

Warum das für Pornosucht relevant ist: Pornografie kombiniert sexuelle Belohnung (DeltaFosB-Produktion) mit praktisch unbegrenzter Neuheit und Verfügbarkeit (ständige Wiederholung). Jede Session ist ein neuer Akkumulationsimpuls. Da DeltaFosB die dendritische Spine-Dichte im Nucleus accumbens erhöht und damit die Verschaltung des Belohnungssystems physisch verändert, entsteht ein neuroplastischer Teufelskreis: mehr Konsum, mehr DeltaFosB, stärkere Sensitivierung für sexuelle Reize, noch mehr Konsum.[29][31][32]

Dopamin-Desensitisierung und Incentive Salience

Die DeltaFosB-Akkumulation erklärt den molekularen Mechanismus - aber was erleben Betroffene auf der Verhaltensebene? Hier kommt die Dopamin-Desensitisierung ins Spiel, die eng mit dem Konzept der Incentive Salience (Anreizsalienz) zusammenhängt.

Brand, Snagowski, Laier & Maderwald (2016) zeigten in einer fMRT-Studie mit 19 Männern, dass die Aktivität im ventralen Striatum beim Betrachten bevorzugter pornografischer Bilder positiv mit den Symptomen von Internet-Pornografiesucht korreliert war. Die Belohnungsreaktion im Gehirn war also nicht pauschal gedämpft, sondern selektiv auf bevorzugtes Material sensitiviert - während alltägliche Belohnungen an Reiz verloren.[33]

Golec, Draps, Stark, Pluta & Gola (2021) erweiterten dieses Bild: In ihrer fMRT-Studie mit 29 CSBD-Patienten und 24 Kontrollpersonen fanden sie eine erhöhte Reaktivität im ventralen Striatum und anterioren orbitofrontalen Cortex auf Hinweisreize, die erotische Belohnungen ankündigten. Die Aktivität im orbitofrontalen Cortex wurde dabei durch die Belohnungswahrscheinlichkeit moduliert - ein Muster, das die Incentive-Sensitization-Theorie der Sucht stützt: Nicht die Belohnung selbst, sondern die Erwartung wird überwertig.[34]

Das Ergebnis dieser neurobiologischen Doppelbewegung - Sensitivierung für suchtbezogene Reize bei gleichzeitiger Desensitisierung für normale Belohnungen - entspricht exakt dem, was Robinson & Berridge als Kern jeder Sucht beschrieben haben: Die Kluft zwischen „Wanting" (Verlangen) und „Liking" (Genuss) wächst. Betroffene konsumieren nicht mehr, weil es sich gut anfühlt, sondern weil der Drang übermächtig wird.[22][33][34]

Exekutive Kontrolle unter Belagerung

Parallel zur Sensitivierung des Belohnungssystems wird die Gegenspielerin geschwächt: die präfrontale Kontrolle. Mechelmans et al. (2014) dokumentierten bei Personen mit zwanghaftem Sexualverhalten eine verstärkte Aufmerksamkeitsverzerrung (Attentional Bias) gegenüber sexuell expliziten Reizen - besonders in der frühen Orientierungsphase der Aufmerksamkeit. Das Gehirn priorisiert suchtbezogene Stimuli, bevor bewusste Kontrolle einsetzen kann.[35]

Schiebener, Laier & Brand (2015) übersetzten diesen Befund in alltagsnahe Bedingungen: In einem Multitasking-Paradigma zeigten Personen mit erhöhten Symptomen problematischen Pornokonsums signifikante Schwierigkeiten, zwei Aufgaben parallel zu bearbeiten, wenn eine davon pornografische Bilder enthielt. Sie blieben entweder an den Reizen hängen oder vermieden sie komplett - eine ausgewogene Aufgabenbearbeitung gelang nicht.[36]

Diese Befunde fügen sich in ein konsistentes Bild: Die strukturellen Veränderungen, die Kühn & Gallinat (2014) im präfrontalen Cortex dokumentierten[19], und die reduzierten Konnektivitäten, die Klucken et al. (2016) zwischen ventralem Striatum und Präfrontalcortex fanden[25], haben funktionale Konsequenzen. Das Belohnungssystem feuert stärker, die Bremse wird schwächer - eine neurobiologische Eskalationslogik.

Eskalationsmuster & Konsequenzen

Auswirkungen auf Beziehungen

Huntington et al. (2021) untersuchten in einer Längsschnittstudie an 1.234 Personen über 20 Monate, wie sich alleiniger vs. gemeinsamer Pornokonsum auf Beziehungsqualität auswirkt: Alleiniger Konsum war bei Männern mit geringerer Beziehungszufriedenheit, weniger Commitment und reduzierter emotionaler Intimität assoziiert.[28]

Dokumentierte Konsequenzen

  • Beziehungsprobleme: Vertrauensverlust, emotionale Distanz, Intimität mit realen Partnern nimmt ab[28]
  • Berufliche Einbußen: Leistungsabfall, Nutzung am Arbeitsplatz, Jobverlust
  • Psychische Komorbidität: Depression, Angststörungen, Schlafstörungen; Schamgefühle verstärken den Kreislauf
  • Sexuelle Funktionsstörungen: Erektile Dysfunktion, verzögerter Orgasmus, Desensibilisierung bei realer Sexualität
  • Finanzielle Folgen: Ausgaben für kostenpflichtige Angebote, berufliche Konsequenzen
  • Sozialer Rückzug: Isolation, Vernachlässigung von Beziehungen und Interessen

Quelle: Zusammenfassung auf Basis von Kraus et al. (2018), Kafka (2010), Reid et al. (2012)[5][6][15]

Versorgungslage in Deutschland

Diagnose-Lücke

Obwohl CSBD seit Januar 2022 in der ICD-11 als Impulskontrollstörung (6C72) gelistet ist, verwendet Deutschland noch überwiegend die ICD-10. Dort existiert keine spezifische Diagnose für zwanghaftes Sexualverhalten - Betroffene werden unter Restkategorien wie „sonstige Störung der Impulskontrolle" (F63.8) oder „sonstige Störung der Sexualpräferenz" (F65.8) kodiert.[8][16]

Therapeutische Versorgung

  • 40 % der Therapiesuchenden warten 3 bis 9 Monate auf einen Behandlungsplatz (alle Störungsbilder; Deutsche Rentenversicherung).[17]
  • Spezialisierte Anlaufstellen für CSBD / problematischen Pornokonsum sind in Deutschland kaum vorhanden - die meisten Fachtherapien konzentrieren sich auf Großstädte.[16]
  • Kassenfinanzierte, spezifische Therapieprogramme für CSBD existieren de facto nicht flächendeckend, da die Störung in der noch gültigen ICD-10 nicht eigenständig abrechenbar ist.[16]
  • Laut Stark et al. (2023) gaben 43-62 % der Psychotherapeuten an, schlecht über PUD informiert zu sein, und nur 7 % der stationären Einrichtungen boten spezifische Behandlungen an.[16]

DHS Jahrbuch Sucht 2024

Die Deutsche Hauptstelle für Suchtfragen (DHS) listet in ihrem Jahrbuch Sucht 2024 die „Online-Pornografie-Nutzungsstörung" erstmals explizit als eine der häufigsten onlinebezogenen Verhaltensabhängigkeiten in Deutschland - neben Glücksspiel-, Computerspiel-, Shopping- und Social-Media-Sucht. Ein Anstieg sei synchron zur wachsenden Digitalisierung zu beobachten.[18]

Begriffserklärung für Journalisten

Compulsive Sexual Behaviour Disorder (CSBD) - ICD-11: 6C72
Die offizielle WHO-Diagnose seit 2022. Beschreibt ein anhaltendes Muster intensiver, wiederkehrender sexueller Impulse oder Dränge, die zu repetitivem Sexualverhalten führen und trotz negativer Konsequenzen fortgesetzt werden. Klassifiziert als Impulskontrollstörung, nicht als Sucht. Dauer: mindestens sechs Monate.[8]
„Pornosucht" / „Sexsucht"
Umgangssprachliche Begriffe ohne diagnostische Gültigkeit. In der Fachsprache wird differenziert: Problematischer Pornografiekonsum bezieht sich spezifisch auf Online-Pornografie; zwanghaftes Sexualverhalten umfasst ein breiteres Spektrum (z. B. exzessives Masturbieren, Affären, Prostitution). „Sucht" impliziert ein Suchtmodell, das die WHO bewusst nicht übernommen hat - die ICD-11 klassifiziert CSBD unter Impulskontrollstörungen.
Problematischer Konsum vs. Häufiger Konsum
Häufiger Pornokonsum allein ist kein Kriterium für eine Störung. Entscheidend sind: Kontrollverlust, Fortsetzen trotz negativer Folgen, zunehmendes Vernachlässigen anderer Lebensbereiche und subjektiver Leidensdruck.[8][2]
NoFap / Reboot
Internet-Communitys (v. a. Reddit), deren Mitglieder auf Pornografie und/oder Masturbation verzichten. Kein therapeutisches Konzept, sondern eine Selbsthilfe-Bewegung mit sehr heterogenem Spektrum - von evidenzorientierter Abstinenz bis zu ideologisch motivierten Positionen. Nicht mit professioneller Psychotherapie gleichzusetzen.
Empfohlene Formulierungen
  • Statt „Süchtige" - „Betroffene" oder „Menschen mit zwanghaftem Sexualverhalten"
  • Statt „Pornosucht" - „problematischer Pornografiekonsum" oder „CSBD"
  • Statt „Sexabhängige" - „Menschen mit Compulsive Sexual Behaviour Disorder"

Quellenverzeichnis

  1. Briken, P., Matthiesen, S., Bansemer, L., Habermann, N., & Dekker, A. (2022). Who feels affected by "out of control" sexual behavior? Prevalence and correlates of indicators for ICD-11 Compulsive Sexual Behavior Disorder in the German Health and Sexuality Survey (GeSiD). Journal of Behavioral Addictions, 11(3), 900-911. PMC9872532
  2. Grubbs, J. B., Kraus, S. W., & Perry, S. L. (2019). Self-reported addiction to pornography in a nationally representative sample: The roles of use habits, religiousness, and moral incongruence. Journal of Behavioral Addictions, 8(1), 88-93. PubMed 30632378
  3. Landesanstalt für Medien NRW (2023). Erfahrung von Kindern und Jugendlichen mit Sexting und Pornos. Befragung von N > 3.000 Minderjährigen (11-17 Jahre). medienanstalt-nrw.de
  4. Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) (2020). Jugendsexualität - 9. Welle der Repräsentativbefragung (Erhebungszeitraum 2019, N = 6.032). Sowie: EU Kids Online (2019), deutsche Teilstichprobe. bzga.de
  5. Kafka, M. P. (2010). Hypersexual disorder: A proposed diagnosis for DSM-V. Archives of Sexual Behavior, 39(2), 377-400. PubMed 19937105
  6. Reid, R. C., Carpenter, B. N., Hook, J. N., Garos, S., Manning, J. C., Gilliland, R., ... & Fong, T. (2012). Report of findings in a DSM-5 field trial for hypersexual disorder. The Journal of Sexual Medicine, 9(11), 2868-2877. PubMed 23035810
  7. AddictionHelp.com (2025). Sex Addiction Statistics - Data By Gender, Race, & Age. Basierend auf klinischen Daten: Symptombeginn durchschnittlich 18 Jahre, erster Therapiekontakt durchschnittlich 37 Jahre. addictionhelp.com [Quelle prüfen - sekundäre Zusammenfassung]
  8. World Health Organization (2022). ICD-11: 6C72 Compulsive sexual behaviour disorder. Inkrafttreten: 1. Januar 2022. ICD-11 MMS (WHO)
  9. Böthe, B., Nagy, L., Koós, M., Demetrovics, Z., Potenza, M. N., Kraus, S. W., ... & International Sex Survey Consortium (2024). Problematic pornography use across countries, genders, and sexual orientations: Insights from the International Sex Survey and comparison of different assessment tools. Addiction, 119(5), 928-950. PubMed 38413365
  10. Böthe, B., Potenza, M. N., Griffiths, M. D., Kraus, S. W., Klein, V., Fuss, J., & Demetrovics, Z. (2020). The development of the Compulsive Sexual Behavior Disorder Scale (CSBD-19): An ICD-11 based screening measure across three languages. Journal of Behavioral Addictions, 9(2), 247-258. PubMed 32609629
  11. Baranowski, A. M., Vogl, R., & Stark, R. (2019). Prevalence and determinants of problematic online pornography use in a sample of German women. The Journal of Sexual Medicine, 16(8), 1274-1282. PubMed 31277972
  12. Pronova BKK (2019). Pornosucht - Informationsportal. Expertenschätzung: 3-5 % der Männer, 3-8 % Gesamtprävalenz. pronovabkk.de
  13. Love, T., Laier, C., Brand, M., Hatch, L., & Hajela, R. (2015). Neuroscience of internet pornography addiction: A review and update. Behavioral Sciences, 5(3), 388-433. PMC4600144
  14. Jha, A. & Banerjee, D. (2022). Neurobiology of sex and pornography addictions: A primer. Journal of Psychosexual Health, 4(4), 227-236. SAGE Journals
  15. Kraus, S. W., Krüger, R. B., Briken, P., First, M. B., Stein, D. J., Kaplan, M. S., ... & Reed, G. M. (2018). Compulsive sexual behaviour disorder in the ICD-11. World Psychiatry, 17(1), 109-110. PMC5775124
  16. Markert, C., Stark, R., et al. (2023). On the current psychotherapeutic situation for persons with pornography use disorder in Germany. Journal of Behavioral Addictions, 12(2), 421-434. PubMed 37141047
  17. Deutsche Rentenversicherung / BPtK (2024). Daten zu durchschnittlichen Wartezeiten auf Psychotherapie in Deutschland (3-9 Monate bei 40 % der Suchenden). deutsche-rentenversicherung.de
  18. Deutsche Hauptstelle für Suchtfragen (DHS) (2024). Jahrbuch Sucht 2024. Online-Pornografie-Nutzungsstörung als häufige onlinebezogene Verhaltensabhängigkeit. dhs.de
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