Sexsucht: Zahlen, Daten, Fakten zur Hypersexualitätsstörung

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1. Definition: Was ist eine Sexsucht?

Sexsucht, in der Fachsprache oft als Hypersexualitätsstörung oder zwanghaftes Sexualverhalten bezeichnet, beschreibt ein Verhalten, bei dem sexuelle Fantasien, Impulse und Handlungen nicht mehr kontrolliert werden können und zu Leidensdruck oder Beeinträchtigungen führen (Kraus et al. 2018).

Wissenschaftlich wird diskutiert, ob es sich um eine Form von Verhaltenssucht (ähnlich wie Spielsucht) oder eher um eine Impulskontrollstörung handelt.

In der aktuellen internationalen Klassifikation (ICD-11 der Weltgesundheitsorganisation) ist „Compulsive Sexual Behaviour Disorder“ (CSBD, Code 6C72) als Impulskontrollstörung aufgenommen (Kraus et al. 2018).

Sie ist gekennzeichnet durch…

eine anhaltende Unfähigkeit, intensive sexuelle Impulse oder Urges zu steuern, wodurch es über mindestens 6 Monate zu repetitiven sexuellen Verhaltensmustern kommt, die negative Folgen im Familien-, Sozial- oder Berufsleben haben.

Quelle: Kraus et al. 2018, ICD-11-Kriterien

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Gut zu wissen: Eine Ausprägungsform der Sexsucht ist die Pornosucht. Pornografie ist ein modernes Mittel, wodurch die „Droge Sex“ 24/7, immer verfügbar ist.

2. Häufigkeit: Wie häufig tritt Sexsucht in Deutschland auf?

Zur Verbreitung von Sexsucht in der Allgemeinbevölkerung gibt es erst seit Kurzem belastbare Daten. Die deutsche Gesundheits- und Sexualitätsbefragung (GeSiD) hat 2022 erstmals bevölkerungsrepräsentativ erhoben, wie viele Menschen in Deutschland Erfahrungen berichten, die mit den ICD-11-Kriterien einer zwanghaften Sexualverhaltensstörung übereinstimmen.

Laut der bevölkerungsrepräsentativen Gesundheits- und Sexualitätsbefragung GeSiD sind 3,2 % der Männer und 1,8 % der Frauen in Deutschland innerhalb der letzten 12 Monate von Indikatoren einer zwanghaften Sexualverhaltensstörung betroffen. Über das gesamte Leben betrachtet, geben 4,9 % der Männer und 3,0 % der Frauen solche Erfahrungen an (Briken et al. 2022). Damit ist Sexsucht eine ernstzunehmende, aber oft unterschätzte psychische Störung.

Auch international bewegen sich die Prävalenzschätzungen in ähnlicher Größenordnung. Studien in westlichen Ländern kommen insgesamt auf etwa 3-10 % der Männer und 2-7 % der Frauen, die Kriterien einer Sexsucht erfüllen könnten (Bőthe et al. 2023).

In spezifischen Teilgruppen können die Raten höher liegen, so identifizierte eine Online-Befragung junger Erwachsener in Deutschland etwa 10,5 % der Teilnehmenden als hypersexuell (Jepsen und Brzank 2022).

3. Sexsucht Diagnose: Woran erkenne ich eine Sexsucht Zwangsstörung? Symptome, diagnostische Merkmale und Sexsucht Test

Wichtig für die Diagnose ist, dass die betroffene Person selbst unter der Situation leidet. Die American Psychiatric Association lehnte die Aufnahme der sogenannten „Hypersexual Disorder“ in das DSM-5 im Jahr 2013 ab. Die WHO verabschiedete 2019 die ICD-11, in der zwanghaftes Sexualverhalten als Compulsive Sexual Behaviour Disorder (6C72) geführt wird (Kraus et al. 2018). In Kraft ist die ICD-11 seit dem 01.01.2022 (WHO, ICD-11).

Diagnostische Kriterien umfassen typischerweise:

  • übermäßig viel Zeit, Gedanken und Energie, die in sexuelle Aktivitäten fließen;
  • wiederholte erfolglose Versuche, das Verhalten zu kontrollieren;
  • Fortführung des Sexualverhaltens trotz negativer Konsequenzen; und
  • starkem Leidensdruck oder funktionellen Beeinträchtigungen als Folge

Quelle: Kraus et al. 2018 und Reid et al. 2012

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Wann besteht KEINE Sexsucht?

Wichtig ist die Abgrenzung zu einem einfach nur hohen Sexualtrieb. Eine hohe Libido oder häufige einvernehmliche sexuelle Aktivitäten für sich genommen stellen keine Störung dar, solange keine Selbstkontrollprobleme und keine negativen Folgen auftreten. Entscheidend für die Diagnose Sexsucht ist das Ausmaß an Kontrollverlust und Leidensdruck

Jemand kann ein reges Sexualleben haben, ohne „sexsüchtig“ zu sein, pathologisch wird es erst, wenn das Verhalten außer Kontrolle gerät, ein Leidensdruck entsteht und das Leben der Person negativ beeinflusst.

4. Ursachen: Was sind Gründe für eine Sexsucht?

Die genauen Ursachen von Sexsucht sind komplex und multifaktoriell bedingt. Hier einige der häufigsten Einflussfaktoren:

  • Neurobiologische Ursachen: Veränderungen im Belohnungssystem des Gehirns, ähnlich wie bei Substanzabhängigkeiten. Störungen im Dopamin-Haushalt können daran beteiligt sein.
  • Psychische Faktoren: Trauma, Angststörungen oder Depressionen können das Risiko für zwanghaftes Sexualverhalten erhöhen (Efrati und Gola 2019, Schultz et al. 2014).
  • Soziale und Umweltfaktoren: Früher Kontakt mit Pornografie, problematische Beziehungsmuster oder sozialer Stress können eine Rolle spielen.
  • Neuroendokrine Befunde: Bei Männern mit Hypersexualitätsstörung ist vor allem die Stressachse auffällig, der Testosteronspiegel liegt dagegen im Normbereich (Chatzittofis et al. 2016, Chatzittofis et al. 2020).

Lösen Störungen im Dopamin-Haushalt eine Sexsucht aus?

Mehr dazu haben wir im Artikel zu den Ursachen einer Sexsucht geschrieben.

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5. Sexsucht in der Partnerschaft: Fragen für Betroffene und Angehörige

Sexsucht kann nicht nur für die betroffene Person, sondern auch für Partner*innen oder Angehörige eine enorme Belastung darstellen. Relevante Fragen für Angehörige sind:

  • Welche Anzeichen fallen mir auf? Gibt es Geheimnistuerei oder drastische Verhaltensänderungen?
  • Leidet mein Partner unter seinem Verhalten oder verdrängt er es?
  • Wie spreche ich das Thema an, ohne Vorwürfe zu machen?
  • Wo kann ich selbst Unterstützung finden? (z. B. Beratungsstellen oder Selbsthilfegruppen)
  • Wie setze ich klare Grenzen, um mich selbst zu schützen?

Menschen, die vermuten, von Sexsucht betroffen zu sein, und ebenso Angehörige oder Partner von Betroffenen stehen oft vor vielen unbeantworteten Fragen.

Diese können zur Selbstreflexion beitragen und dabei helfen, die Situation besser einzuschätzen und Unterstützung zu suchen.

Deshalb haben wir einen eigenen Artikel zu Sexsucht und Pornosucht in der Partnerschaft zusammengestellt.

6. Sexsucht Behandlung: ein kurzer Überblick

  • Kognitive Verhaltenstherapie (CBT)
  • Medikamentöse Unterstützung
  • Selbsthilfegruppen
  • Einbezug der Partnerschaft: Rund die Hälfte der Menschen, die wegen zwanghaftem Sexualverhalten Hilfe suchen, lebt in einer Beziehung, und die Symptomatik wirkt sich auf die erlebte Nähe aus (Bőthe et al. 2021). Ob eine begleitende Paartherapie den Verlauf verbessert, ist bislang nicht in kontrollierten Studien belegt (Antons et al. 2022).
  • Umfassende Online Therapien

Es gibt wirksame Hilfsangebote für Sexsucht.

Typischerweise umfasst die Therapie psychotherapeutische Maßnahmen, besonders eine kognitive Verhaltenstherapie, die darauf abzielt, Auslöser und Denkmuster zu erkennen und bessere Bewältigungsstrategien zu entwickeln.

Oft werden auch Selbsthilfegruppen (z.B. nach dem 12-Schritte-Programm) begleitend genutzt. In manchen Fällen können Medikamente zum Einsatz kommen (etwa selektive Serotonin-Wiederaufnahmehemmer, die impulsives Verhalten dämpfen, oder Naltrexon), vor allem wenn zusätzlich andere psychische Probleme bestehen.

Die Behandlung besteht in der Regel aus Psychotherapie, medikamentöser Unterstützung und Selbsthilfemaßnahmen, mit dem Ziel, die sexuellen Impulse in den Griff zu bekommen und das problematische Verhalten zu reduzieren, ohne die gesunde Sexualität gänzlich zu unterdrücken. Die beste Studienlage hat dabei die kognitive Verhaltenstherapie (Antons et al. 2022).

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Begleiterkrankungen wie Depressionen, Angststörungen oder Substanzmissbrauch werden nach Möglichkeit mitbehandelt, da sie oft mit der Sexsucht verknüpft sind (Briken et al. 2024).

Wichtig zu wissen: Sexsucht ist behandelbar, und je früher sich Betroffene Hilfe suchen, desto besser sind in der Regel die Chancen, die Kontrollfähigkeit zurückzugewinnen und ein erfülltes, ausgewogenes Sexualleben (sowie Alltag) zu erreichen.

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Häufige Fragen

Ab wann spricht man von einer Sexsucht?

Entscheidend sind Kontrollverlust und Leidensdruck. Wer über mindestens sechs Monate immer wieder sexuelle Impulse nicht steuern kann und dadurch Nachteile im Familien-, Sozial- oder Berufsleben in Kauf nimmt, erfüllt die Kriterien der ICD-11.

Ist ein hohes sexuelles Verlangen schon eine Störung?

Nein. Eine hohe Libido oder häufiger einvernehmlicher Sex sind für sich genommen keine Diagnose. Pathologisch wird es erst, wenn das Verhalten außer Kontrolle gerät und Leiden verursacht.

Wie viele Menschen in Deutschland sind betroffen?

In der bevölkerungsrepräsentativen GeSiD-Studie berichten 3,2 % der Männer und 1,8 % der Frauen für die letzten zwölf Monate Indikatoren einer zwanghaften Sexualverhaltensstörung. Über das ganze Leben betrachtet sind es 4,9 % und 3,0 %.

Steht Sexsucht im ICD-11?

Ja, als Compulsive Sexual Behaviour Disorder unter dem Code 6C72, eingeordnet als Impulskontrollstörung. Die WHO verabschiedete die ICD-11 im Jahr 2019, in Kraft ist sie seit dem 01.01.2022. Pornosucht ist darin keine eigene Diagnose, sondern fällt unter 6C72.

Was hilft bei Sexsucht?

Die beste Studienlage hat die kognitive Verhaltenstherapie. Ergänzend werden Selbsthilfegruppen genutzt, in Einzelfällen kommen Medikamente hinzu, vor allem wenn zusätzlich andere psychische Erkrankungen vorliegen.

Was können Angehörige tun?

Angehörige klären für sich, welche Anzeichen sie beobachten, wie sie das Thema ohne Vorwurf ansprechen und wo sie eigene Unterstützung finden. Klare Grenzen zu setzen ist dabei kein Angriff, sondern Selbstschutz.

Ist Sexsucht heilbar?

Sexsucht ist behandelbar. Je früher jemand Hilfe sucht, desto besser stehen die Chancen, die Kontrolle zurückzugewinnen und ein erfülltes Sexualleben zu führen.

Wissenschaftliche Quellen

Dieser Artikel stützt sich auf Fachartikel, aktuelle Studien und Leitlinien, darunter die ICD-11-Kriterien der WHO.

  1. Briken, P., Wiessner, C., Štulhofer, A., et al. (2022). Who feels affected by „out of control“ sexual behavior? Prevalence and correlates of indicators for ICD-11 Compulsive Sexual Behavior Disorder in the German Health and Sexuality Survey (GeSiD). Journal of Behavioral Addictions, 11(3), 900-911. PubMed: 36006765
  2. Bőthe, B., Koós, M., Nagy, L., et al. (2023). Compulsive sexual behavior disorder in 42 countries: Insights from the International Sex Survey and introduction of standardized assessment tools. Journal of Behavioral Addictions, 12(2), 393-407. PubMed: 37352095
  3. Kraus, S. W., Krueger, R. B., Briken, P., et al. (2018). Compulsive sexual behaviour disorder in the ICD-11. World Psychiatry, 17(1), 109-110. PubMed: 29352554
  4. World Health Organization (2022). ICD-11, Code 6C72: Compulsive sexual behaviour disorder. Offizielle Diagnosekriterien. icd.who.int/browse11
  5. Lew-Starowicz, M., & Coleman, E. (2022). Mental and sexual health perspectives of the ICD-11 Compulsive Sexual Behavior Disorder. Journal of Behavioral Addictions, 11(2), 226-229. PubMed: 35895453
  6. Reid, R. C., Carpenter, B. N., Hook, J. N., et al. (2012). Report of findings in a DSM-5 field trial for hypersexual disorder. The Journal of Sexual Medicine, 9(11), 2868-2877. PubMed: 23035810
  7. Jepsen, D., & Brzank, P. J. (2022). Hypersexual behaviour among young adults in Germany: characteristics and personality correlates. BMC Psychiatry, 22(1), 804. PubMed: 36536318
  8. Briken, P., Bőthe, B., Carvalho, J., et al. (2024). Assessment and treatment of compulsive sexual behavior disorder: a sexual medicine perspective. Sexual Medicine Reviews, 12(3), 355-370. PubMed: 38529667
  9. Antons, S., Engel, J., Briken, P., et al. (2022). Treatments and interventions for compulsive sexual behavior disorder with a focus on problematic pornography use: A preregistered systematic review. Journal of Behavioral Addictions, 11(3), 643-666. PubMed: 36083776
  10. Hook, J. N., Reid, R. C., Penberthy, J. K., et al. (2014). Methodological review of treatments for nonparaphilic hypersexual behavior. Journal of Sex & Marital Therapy, 40(4), 294-308. PubMed: 23905759
  11. Crosby, J. M., & Twohig, M. P. (2016). Acceptance and Commitment Therapy for Problematic Internet Pornography Use: A Randomized Trial. Behavior Therapy, 47(3), 355-366. PubMed: 27157029
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  13. Bőthe, B., Vaillancourt-Morel, M.-P., & Bergeron, S. (2021). Hypersexuality in Mixed-Sex Couples: A Dyadic Longitudinal Study. Archives of Sexual Behavior, 50(5), 2139-2150. PubMed: 34189627
  14. Efrati, Y., & Gola, M. (2019). The Effect of Early Life Trauma on Compulsive Sexual Behavior among Members of a 12-Step Group. The Journal of Sexual Medicine, 16(6), 803-811. PubMed: 31080103
  15. Efrati, Y., Shukron, O., & Epstein, R. (2021). Early Maladaptive Schemas Are Highly Indicative of Compulsive Sexual Behavior. Evaluation & the Health Professions, 44(2), 142-151. PubMed: 33353416
  16. Schultz, K., Hook, J. N., Davis, D. E., et al. (2014). Nonparaphilic hypersexual behavior and depressive symptoms: a meta-analytic review of the literature. Journal of Sex & Marital Therapy, 40(6), 477-487. PubMed: 24168778
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  18. Chatzittofis, A., Boström, A. E., Öberg, K. G., et al. (2020). Normal Testosterone but Higher Luteinizing Hormone Plasma Levels in Men With Hypersexual Disorder. Sexual Medicine, 8(2), 243-250. PubMed: 32173350
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Fachlich geprüft von Dr. Dzanan Joldic.