Von Erik Pfeiffer, Gründer von FreiVonX (www.freivonx.de). Zuletzt fachlich geprüft am 10. Juli 2026.
Geschäftsreise.
Es ist vier Uhr morgens, ein Hotelzimmer, das Handy noch warm in der Hand.
Ein Mann, Ende dreißig, sitzt auf der Bettkante und stellt sich zum ersten Mal seit Jahren eine ehrliche Frage: Was habe ich hier gerade getan?
Er hat zwei Ehen hinter sich. Er verdient gut. Materiell fehlt ihm nichts.
Und trotzdem hat er die letzte Stunde auf einem Portal für Trans-Frauen verbracht, mit einem Gefühl, das zwischen Sog und Scham hin und her kippt.
Er ist nicht schwul. Er hatte nie einen einzigen Gedanken an einen Mann. Er begehrt Frauen, seit er denken kann.
Und genau deshalb versteht er sich selbst nicht.
Wer das kennt, ist weder krank noch pervers noch heimlich homosexuell. Sondern ein Mann, dessen Begehren an eine Stelle zeigt, die noch keinen Namen bekommen hat. Dieser Artikel gibt ihr einen.
Warum fühlt sich der Trans-Fetisch nicht schwul an?
Weil der Kopf da keinen Widerspruch sieht, wo andere einen vermuten.
Männer mit diesem Muster sagen fast wortgleich denselben Satz. Einer hat es mir so beschrieben:
Für mich ist das eine Frau. Eine Frau mit Penis ist immer noch eine Frau. Der Gedanke an einen Mann war nie da.
Die Forschung bestätigt das nüchtern. Eine große Untersuchung an Männern mit sexuellem Interesse an Trans-Frauen kam zu dem Ergebnis, dass diese Anziehung am besten als eine ungewöhnliche Spielart der Heterosexualität zu verstehen ist, nicht als versteckte Homosexualität und nicht als eigene, vierte Orientierung (Rosenthal et al. 2017).
Dieselbe Untersuchung zeigt noch etwas Entlastendes: Die meisten dieser Männer begehren Cis-Frauen genauso stark wie Trans-Frauen. Die Anziehung kommt also meist zusätzlich, nicht als Ersatz. Für sich genommen ist sie keine Störung.
Das ist die erste Entlastung, und sie ist wichtig.
Denn ein großer Teil des Leidens kommt gar nicht vom Fetisch selbst. Er kommt von der Panik darüber, was der Fetisch angeblich über einen aussagt, dieselbe Panik, die auch hinter der zwanghaften Frage „Bin ich schwul?“ steckt.
Studien zeigen sogar, dass viele Männer diese Anziehung als Bedrohung ihrer Männlichkeit erleben und darauf mit verstärkter Abwehr reagieren, etwa mit betont ablehnenden Haltungen gegenüber Homosexuellen (West & Borras-Guevara 2022).
Übersetzt heißt das: Die Angst richtet sich nach innen, gegen den eigenen Selbstwert. Nicht gegen die Trans-Frau, sondern gegen die Frage „Was bin ich, wenn ich das will?“
Solange diese Frage im Raum steht, ist an echte Veränderung nicht zu denken. Also nehmen wir sie zuerst vom Tisch.
Das ist heterosexuelles Begehren. Es hat nur einen Umweg gelernt.
Florian, Co-Gründer von FreiVonX, kennt diesen Umweg aus eigener Erfahrung. Er hat jahrelang Trans-Pornos konsumiert und öffentlich darüber gesprochen:
Ich habe als Heteromann über Jahre hinweg transsexuelle Pornos geschaut und mir irgendwann die Frage gestellt: Ist das, was ich mir da anschaue, vielleicht das, was mir auch in der realen Welt gefällt?
Ist der Trans-Fetisch eine Krankheit oder ein Symptom?
Keins von beidem. Er ist eine Nachricht.
Das Begehren nach einer Frau ist wie das Meer. Es zieht. Und wer tief hineingeht, in echte Nähe, spürt auch den Druck. Erwartung. Bewertung. Die Möglichkeit, nicht zu genügen.
Wer diesen Druck nicht regulieren kann, dem platzt in der Tiefe etwas. Also sucht er sich ein flaches, warmes Becken, in dem nie Druck entsteht. Es fühlt sich an wie Tauchen. Es ist nur nie das Meer.
Der Fetisch ist dieses Becken. Und ein Becken baut niemand ohne Grund.
Der Psychoanalytiker Robert Stoller hat das vor fünfzig Jahren in einen Satz gefasst, der bis heute steht: Die sexuelle Fantasie wandelt ein Kindheitstrauma in einen erwachsenen Triumph um (Stoller 1975). Wo früher Ohnmacht war, inszeniert der Fetisch Kontrolle. Wo früher Demütigung war, inszeniert er Überlegenheit.
Der Fetisch ist also kein Defekt im System. Er ist die Lösung, die ein überfordertes Kind einmal gefunden hat, für ein Problem, das es allein nicht lösen konnte. Das gilt für jeden sexuellen Fetisch, nicht nur für diesen.
In der Praxis sehe ich das in fast jedem Fall. Hinter dem Fetisch steckt kein kranker Trieb, sondern ein gesundes Bedürfnis, das sich einen falschen Weg gesucht hat.
Und dieses Bedürfnis lässt sich benennen. Genau. Schicht für Schicht.
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Welches Bedürfnis steckt wirklich hinter dem Transsexuellen-Fetisch?
Hier wird es konkret. Wir steigen ab, vom flachen Wasser bis zum Grund, und auf jeder Tiefe wartet ein anderes Bedürfnis.
Kein Mann trägt alle. Aber fast jeder erkennt sich in zwei oder drei.
Ganz oben, im flachen Wasser: keine Leistung erbringen müssen
Eine Frau erobern heißt werben, bestehen, die Ablehnung riskieren. In der Fantasie einer Trans-Frau fällt dieser Druck weg. Da ist, salopp gesagt, jemand mit demselben sexuellen Antrieb, der von sich aus kommt und die Prüfung erspart.
Ein Mann sagte mir einmal, sein eigentliches Problem sei nicht der Sex, sondern die Frage davor: „Kann ich eine Frau überhaupt überzeugen?“ Im Becken stellt sich diese Frage nie.
Eine Schicht tiefer: sich überlegen fühlen dürfen
Das ist der häufigste und der am meisten missverstandene Mechanismus. Er hat fast nie mit der Trans-Frau zu tun und fast immer mit anderen Männern.
Ein Klient hat es so ausgedrückt: „Je perfekter ein Mann zur Frau wird, desto männlicher fühle ich mich.“ Er wurde als Junge gemobbt. Seine Schlussfolgerung damals: „Die anderen sind cooler, stärker, überlegener. Ich bin nicht gut genug.“ Der Fetisch dreht diese Hierarchie um. Der überlegene Mann wird weiblich, und der Junge von damals steigt auf.
Das ist Stollers Triumph in Reinform, und die Forschung liefert das Gegenstück von der anderen Seite: Manche Männer bewerten Trans-Frauen gerade deshalb als attraktiv, weil sie sich Trans-Frauen unterwürfiger und unkomplizierter vorstellen als Cis-Frauen, was die Autorin als eine mit Frauenverachtung verwobene Form des Begehrens beschreibt (Robinson 2023).
In der Schematherapie heißt dieses Muster Überkompensation: Wer als Kind gelernt hat, sich klein und unterworfen zu fühlen, sucht als Erwachsener genau dort nach Überlegenheit, wo die alte Angst am größten war (Young et al. 2003). Die Stärke wird nicht gefühlt, sie wird inszeniert.
Noch tiefer: die Kontrolle abgeben dürfen, ohne Gefahr
Das klingt wie das Gegenteil der letzten Schicht, ist aber die andere Seite derselben Münze. Weil das Gegenüber in der Fantasie männlich berechenbar wirkt, traut mancher sich, für einen Moment die Kontrolle ganz loszulassen. Und dieses Loslassen kippt in ein Gefühl von Sicherheit, manchmal sogar Geborgenheit.
Der Kern ist nicht Dominanz. Der Kern ist die Erlaubnis, endlich nicht mehr wachsam sein zu müssen.
Am Grund, wo es dunkel wird: das weibliche Chaos draußen halten
Viele dieser Männer erleben die Nähe zu Frauen als unberechenbar. Launen, Erwartungen, Stimmungen, die kippen. In den Interviews der Forschung taucht dieses Motiv wörtlich auf, als Wunsch nach Sex ohne die Komplikationen, die man Frauen zuschreibt (Robinson 2023).
Dahinter liegt oft eine alte innere Spaltung, die die Psychologie die Madonna-Hure-Spaltung nennt: die Frau als warm und rein auf der einen Seite, die Frau als sexuell und gefährlich auf der anderen, beides nie in einer Person vereinbar. Männer mit dieser Spaltung berichten messbar geringere Beziehungszufriedenheit und stärkere patriarchale Einstellungen (Bareket et al. 2018). Die Trans-Frau wird in dieser inneren Landkarte zu einer dritten Figur, außerhalb der Spaltung. Eine Frau, aber nicht ganz Frau. Das Gefürchtete umgangen.
Auf derselben Tiefe: verstanden werden, ohne Übersetzung
„Der kann das besser, weil er ein Mann ist. Der weiß, was einem Mann gefällt.“ Diesen Satz höre ich oft. Die Fantasie verspricht ein Gegenüber, das einen versteht, weil es dieselbe Innenwelt kennt. Kein Missverstehen, keine fremde Sprache.
Auch das findet sich in der Forschung, als geteilte männliche Perspektive, die manche Männer als tiefere Verbindung erleben (Robinson 2023). Die ehrliche Kehrseite: Dasselbe Gefühl kann eine Ausrede sein, die echte Andersartigkeit eines anderen Menschen gar nicht erst aushalten zu müssen.
Seitlich zur Tiefe, bei manchen: den Panzer für einen Moment ablegen
Männlichkeit ist für viele ein Panzer. Hart, dauernd, anstrengend. In der Nähe zur Weiblichkeit steckt bei manchem auch der leise Wunsch, diesen Panzer kurz ablegen und weich sein zu dürfen, ohne dafür als schwach zu gelten (Rosenthal et al. 2017). Das ist keine Frage der Identität. Es ist die Sehnsucht, für einen Moment einfach sein zu dürfen.
Und ganz unten, am tiefsten Punkt: Nähe, die nicht verschlingt
Manche Männer erleben echte emotionale Nähe körperlich als Bedrohung, als etwas, das sie verschluckt. Die Bindungsforschung nennt dieses Muster vermeidend gebunden: Nähe wird als Gefahr verschaltet, meist aus sehr frühen Erfahrungen mit den ersten Bezugspersonen (Bartholomew & Horowitz 1991). Die Fantasie verspricht dann das Unmögliche: Weiblichkeit ganz nah, aber ohne den Sog, der Angst macht.
Und wenn man ganz unten ankommt, liegt dort meist gar kein sexuelles Bedürfnis mehr.
Sondern Wärme.
Ein Mann, der jahrelang immer härteren Konsum brauchte, erzählte mir, dass er in seinen dunkelsten Momenten nicht nach dem Fetisch griff, sondern nach Bildern von zärtlichen, weichen Frauen.
Die Wärme, die verloren ist. Das habe ich gesucht.
Das ist der Grund unter allen Gründen. Alles darüber ist Konstruktion. Ganz unten will ein Mensch gehalten werden.
Warum gibt dir das Date ein Gefühl, das keine Beziehung dir gibt?
Ab hier rede ich zu dir direkt, denn jetzt kommt der Teil, der vielleicht wehtut.
Du hast vielleicht gemerkt, dass die Fantasie dir etwas gibt, das du bei keiner echten Frau zuverlässig bekommst. Nicht bei einer Freundin, nicht bei einer Partnerin, nicht früher bei deiner Mutter.
Dieses Etwas ist kein Sex. Es ist Erleichterung.
Für einen Moment musst du nicht bestehen. Für einen Moment wirst du nicht bewertet. Für einen Moment unterliegst du nicht, und trotzdem bist du gewollt.
Der Alarm, der bei echter Nähe immer angeht, bleibt hier still.
Und genau das ist die Falle.
Denn dieses Gefühl ist echt, aber es ist geliehen. Du bekommst es nicht, weil du sicher geworden bist. Du bekommst es, weil du dem Ort ausgewichen bist, an dem die Gefahr wohnt.
Das Becken ist nicht das Meer. Es fühlt sich an wie Tauchen, weil es dir den Druck erspart. Aber es erspart dir auch die Tiefe, in der echte Verbindung überhaupt erst entsteht.
Deshalb macht der Konsum nie satt. Du kommst nach oben, kurz erleichtert, und der Grund, warum du hinunter bist, wartet unverändert am Ufer.
Das Wasser im Becken wird nie das Meer. Egal wie oft du eintauchst.
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Wie kommst du da wirklich raus?
Nicht, indem du das Becken zuschüttest.
Das ist der Fehler, den fast jeder zuerst macht. Er kämpft gegen den Fetisch. Er hasst ihn, unterdrückt ihn, schämt sich. Und je härter er kämpft, desto stärker kommt das Verlangen zurück, weil er die ganze Zeit das Bedürfnis mitbekämpft, das darunter liegt.
Erinnerst du dich an den Anfang? Der Fetisch ist eine Nachricht. Man löscht keine Nachricht, indem man den Boten erwürgt.
Der Weg raus ist Druckausgleich. Und der geht in drei Bewegungen.
- Das Bedürfnis anerkennen, statt es zu verurteilen. In dem Moment, in dem du zu dem Fetisch greifst, zeigt sich ein ganz normales menschliches Bedürfnis. Nach Anerkennung. Nach Sicherheit. Nach Wärme. Der Weg dahin ist verbogen, das Bedürfnis selbst ist gesund. Solange du es „krank“ nennst, nennst du dich selbst krank, und dann bleibt der einzige Ort, an dem du es fühlen darfst, das Becken.
- Die alte Schlussfolgerung entkräften. Irgendwann als Kind hast du entschieden, dass du nicht genügst, dass die anderen überlegen sind, dass echte Nähe gefährlich ist. Diese Schlüsse waren damals eine sinnvolle Anpassung. Heute sind sie ein Gefängnis. Sie lassen sich nicht wegdenken, aber sie lassen sich Stück für Stück überschreiben, mit neuen Erfahrungen, in denen du bestehst und nicht untergehst.
- Das Bedürfnis ins echte Leben zurückholen. Anerkennung, die du dir selbst gibst, ist stabiler als jede, die ein Bildschirm dir leiht. Nähe, die du in kleinen, aushaltbaren Schritten übst, dehnt langsam die Tiefe, in die du gehen kannst, ohne dass dir etwas platzt.
Fang mit diesen Fragen an
Die drei Bewegungen sind der Rahmen. Das Werkzeug sind Fragen, die du dir selbst stellst, ehrlich, mit dem ersten Bauchgefühl, nicht mit dem, was klug klingt. Nimm dir für jede kurz Zeit.
- Wenn du dir das Date Minute für Minute vorstellst, in welchem Moment entspannt sich dein Körper am meisten? Beim Sex, beim Verstandenwerden, oder da, wo klar ist, dass dich niemand bewertet?
- Was genau musst du bei einer echten Frau leisten oder abwehren, das in dieser Vorstellung wegfällt? Zähl es konkret auf, nicht abstrakt.
- Wenn die Trans-Frau in deiner Fantasie launisch, fordernd und emotional unberechenbar wäre, bliebe die Anziehung? Wenn nein, geht es vielleicht nicht um trans, sondern um Berechenbarkeit.
- Was fühlst du gegenüber echten Frauen, wenn du an das Date denkst? Erleichterung ist normal. Aber wenn Verachtung oder Groll hochkommt, dann ist das dein eigentliches Warnsignal, nicht die Anziehung selbst. Denn dann speist sich das Begehren womöglich aus einer Abwertung von Frauen, und das ist der Punkt, der echten Beziehungen im Weg steht.
- Wonach greifst du in echten Krisenmomenten, nach härterem Material, oder nach Wärme und Weichheit? Die zweite Antwort zeigt dir meist das eigentliche Bedürfnis.
- Fühlt sich der Impuls an wie Neugier auf etwas, ein Ziehen hin, oder wie Erleichterung von etwas, ein Ausatmen weg vom Druck? Flucht zeigt meist auf die Wunde, Neugier eher auf bloße Vorliebe.
Wenn du allein nicht tiefer kommst
Diese Fragen bringen dich ein gutes Stück. Viele Männer merken hier zum ersten Mal, welches Bedürfnis wirklich am Grund liegt.
Manche Wurzel aber zeigt sich erst, wenn jemand von außen mitschaut, einer, der neben dir taucht, bis du es allein kannst. Nicht weil du zu schwach bist, sondern weil der eigene blinde Fleck von innen kaum zu sehen ist.
Wenn du mit diesen Fragen allein nicht an die Wurzel kommst, ist das der nächste Schritt.
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Häufige Fragen
F: Ist ein Transsexuellen-Fetisch ein Zeichen, dass ich heimlich schwul bin?
Nein. Die Forschung ordnet die Anziehung heterosexueller Männer zu Trans-Frauen als ungewöhnliche Spielart der Heterosexualität ein, nicht als versteckte Homosexualität (Rosenthal et al. 2017). Die meisten Betroffenen begehren Cis-Frauen genauso und hatten nie sexuelles Interesse an Männern. Die Angst vor dieser Frage verursacht oft mehr Leid als der Fetisch selbst.
F: Bin ich pervers oder krank, wenn ich so etwas anziehend finde?
Nein. Ein Fetisch ist kein Defekt, sondern ein Lösungsversuch für ein unerfülltes Bedürfnis aus der Vergangenheit. Der Psychoanalytiker Robert Stoller beschrieb ihn als Umwandlung eines frühen Schmerzes in einen erwachsenen Triumph (Stoller 1975). Das Bedürfnis dahinter, etwa nach Anerkennung oder Sicherheit, ist gesund. Nur der Weg ist verbogen.
F: Welches Bedürfnis steckt am häufigsten dahinter?
Am häufigsten geht es um Überlegenheit gegen ein altes Gefühl von Unterlegenheit. Wer als Junge Demütigung oder Mobbing durch stärkere Männer erlebt hat, kann im Fetisch eine Hierarchie umdrehen, in der er nicht mehr der Unterlegene ist. In der Schematherapie heißt dieses Muster Überkompensation (Young et al. 2003).
F: Woran erkenne ich, ob mein Muster unbedenklich oder ein echtes Problem ist?
Unbedenklich ist die Anziehung, wenn sie zusätzlich zu echten Frauen besteht, ohne Kontrollmotiv und ohne Abwertung. Zum Warnsignal wird sie, wenn Cis-Frauen im Vergleich abgewertet werden, wenn die Anziehung sich aus der Erwartung speist, dass sich das Gegenüber unterordnet, oder wenn „Sicherheit“ faktisch „eine Frau, die keine Ansprüche stellt“ bedeutet (Robinson 2023). Nicht die Anziehung ist dann das Problem, sondern die Abwertung dahinter.
F: Warum reizt mich eine Trans-Frau mehr als eine Cis-Frau?
Weil die Fantasie Weiblichkeit verspricht, ohne die Anteile, die dir Angst machen. Weniger Unberechenbarkeit, weniger Gefühl von Bewertung, das Erleben, verstanden zu werden. Ein Teil der Forschung beschreibt genau dieses Motiv (Robinson 2023).
F: Bedeutet der Fetisch, dass ich keine echte Frau lieben kann?
Nein. Er bedeutet oft, dass echte Nähe für dich mit einem Alarm verknüpft ist, den du bisher lieber umgehst als regulierst. Vermeidend gebundene Menschen erleben Nähe teils als bedrohlich (Bartholomew & Horowitz 1991). Dieser Alarm lässt sich schrittweise abbauen. Dann wird echte Verbindung möglich, ohne dass sie sich wie Ertrinken anfühlt.
F: Warum macht mich der Konsum nie wirklich zufrieden?
Weil er das eigentliche Bedürfnis nur betäubt, nicht erfüllt. Das Gefühl der Erleichterung entsteht durch Vermeidung, nicht durch Heilung. Der Grund, aus dem du hingehst, bleibt danach unverändert, deshalb kommt das Verlangen zuverlässig zurück.
F: Verschwindet der Fetisch, wenn ich meine Pornosucht in den Griff bekomme?
Oft schwächt er sich deutlich ab, weil Fetisch und allgemeiner Konsum meist dieselbe Wurzel haben. Der Fetisch ist der spezifischere Schlüssel zu einer konkreten Wunde. Arbeitet man an dieser Wunde, verliert der Schlüssel seine Funktion. Ganz ohne Blick auf die Ursache bleibt ein Rückfallrisiko.
F: Ist dieser Fetisch dauerhaft oder verändert er sich?
Er ist nicht in Stein gemeißelt. Fetische entstehen als erlernte Reaktion auf eine unerfüllte Not. Wird die Not im echten Leben genährt, verliert die erlernte Reaktion ihre Dringlichkeit. Sie muss nicht ausgelöscht werden, sie hört auf, dich zu steuern.
Wissenschaftliche Literatur
Rosenthal, A. M., Hsu, K. J., & Bailey, J. M. (2017). Who Are Gynandromorphophilic Men? Characterizing Men with Sexual Interest in Transgender Women. Archives of Sexual Behavior, 46(1), 255-264. doi:10.1007/s10508-016-0872-6 (PMID:27858199)
Robinson, B. A. (2023). Transamorous Misogyny: Masculinity, Heterosexuality, and Cis Men’s Sexist Desires for Trans Women. Men and Masculinities, 26(3), 356-375. doi:10.1177/1097184X221148208
West, K., & Borras-Guevara, M. L. (2022). When Cisgender, Heterosexual Men Feel Attracted to Transgender Women: Sexuality-Norm Violations Lead to Compensatory Anti-Gay Prejudice. Journal of Homosexuality, 69(13), 2267-2285. doi:10.1080/00918369.2021.1938467 (PMID:34185626)
Bareket, O., Kahalon, R., Shnabel, N., & Glick, P. (2018). The Madonna-Whore Dichotomy: Men Who Perceive Women’s Nurturance and Sexuality as Mutually Exclusive Endorse Patriarchy and Show Lower Relationship Satisfaction. Sex Roles, 79(9-10), 519-532. doi:10.1007/s11199-018-0895-7
Bartholomew, K., & Horowitz, L. M. (1991). Attachment styles among young adults: a test of a four-category model. Journal of Personality and Social Psychology, 61(2), 226-244. doi:10.1037/0022-3514.61.2.226 (PMID:1920064)
Young, J. E., Klosko, J. S., & Weishaar, M. E. (2003). Schema Therapy: A Practitioner’s Guide. New York: Guilford Press. ISBN 978-1-59385-372-3
Stoller, R. J. (1975). Perversion: The Erotic Form of Hatred. New York: Pantheon Books.
Fachlich geprüft von Dzanan Joldic.
Dieser Artikel ersetzt keine ärztliche oder therapeutische Beratung. Bei akutem Leidensdruck oder Suizidgedanken wende dich an die Telefonseelsorge unter 0800/111 0 111 oder im Notfall an 112.