Ein privater Browserverlauf.
Würde ihn jemand Zeile für Zeile lesen, käme etwas zum Vorschein, wofür sich der Mann so sehr schämt, dass er es noch nie ausgesprochen hat.
Etwas, das ihn anwidert und im selben Moment magnetisch anzieht.
Denn es ist der einzige Ort, an dem er dieses eine Gefühl überhaupt noch findet.
Geborgenheit. Sicherheit. Für ein paar Minuten so etwas wie Liebe.
Ich führe zwei Leben. Draußen bin ich der erfolgreiche Unternehmer, der alles im Griff hat. Und zu Hause, nachts, bin ich dieser Typ, der sich nicht kontrollieren kann. Der sich für Sachen schämt, die er nicht mal seinem besten Freund erzählen würde.
Wer das kennt, kennt auch den Gedanken, der jeder solchen Nacht folgt.
Bin ich der einzige Mann mit diesem Problem? Was stimmt mit mir nicht?
Auf diese Frage gibt dieser Artikel eine andere Antwort als die meisten erwarten.
Ein Fetisch, unter dem ein Mensch leidet, ist keine angeborene Vorliebe. Er ist erworben.
Und was erworben wurde, lässt sich wieder auflösen, sobald klar wird, wofür es einmal die beste Lösung war.
Bin ich pervers, wenn mich so etwas erregt?
Die kurze Antwort lautet nein.
Die längere ist interessanter.
In einer Befragung von über tausend Menschen waren von 55 abgefragten sexuellen Fantasien nur zwei statistisch wirklich selten (Joyal, Cossette & Lapierre 2015).
Fast die Hälfte der Männer berichtet Interesse an mindestens einem Muster, das im Lehrbuch als paraphil gilt (Joyal & Carpentier 2017).
In einer Berliner Männerstudie waren solche Erregungsmuster so häufig, dass die Autoren sie normativ nennen, nicht ungewöhnlich (Ahlers et al. 2011).
Das, wofür sich so viele im Dunkeln schämen, ist statistisch gesehen Durchschnitt.
Nicht der Fetisch macht krank. Die Scham darüber tut es.
Selbst die Diagnostik trennt beides sauber. Eine sexuelle Neigung wird erst dann zur Störung, wenn Kontrollverlust und echter Leidensdruck über Monate dazukommen, und moralische Missbilligung allein zählt ausdrücklich nicht als Grund (WHO ICD-11, Code 6C72; Kraus et al. 2018).
Es geht also nie darum, was jemanden erregt. Es geht darum, ob noch eine Wahl bleibt.
Woher kommt so ein Fetisch wirklich?
Jeder Fetisch, unter dem ein Mensch leidet, wird in einem Raum ausgelebt, der einem früheren Raum ähnelt. Einem aus der Kindheit.
In diesem frühen Raum gab es keinen Ausgang. Die Situation war ausweglos, und das Kind darin zu klein, um sie zu lösen.
Vielleicht herrschte dort emotionale Kälte. Vielleicht Ablehnung. Vielleicht eine Spannung, bei der niemand wusste, was als Nächstes passiert.
Ein Kind kann daraus nicht schließen, dass seine Eltern überfordert sind. Für ein Kind sind die Eltern unfehlbar, fast göttlich.
Also zieht es den einzigen anderen Schluss, der ihm bleibt: Mit mir stimmt etwas nicht.
Ich war wie so ein Roboter, wie so ein leerer Kasten, der halt so funktioniert hat, dass es irgendwie lief. Wer bin ich? Was will ich? Was gefällt mir? Damit habe ich mich erst beschäftigt, als ich von zu Hause ausgezogen bin.
Das Gehirn brennt diese Situation ein. Nicht als Erinnerung, die man erzählen kann, sondern als Gefühl, das bleibt.
Und es speichert einen Auftrag dazu: Wenn ich einmal groß genug bin, löse ich das.
Genau diesen Auftrag führt der Erwachsene später aus. Wieder und wieder.
Der Fetisch ist der Versuch, den alten Raum noch einmal zu betreten, um endlich den Ausgang zu finden, den es damals nicht gab.
Er ist kein Defekt. Er ist die beste Lösung, die ein überfordertes Kind einmal gefunden hat.
Dass sich sexuelle Erregung an einen ursprünglich neutralen Reiz koppeln lässt, ist lange belegt. Schon in den 1960ern ließ sie sich im Labor auf ein zuvor bedeutungsloses Bild konditionieren (Rachman 1966; repliziert bei Rachman & Hodgson 1968).
Spätere Arbeiten zeigten, dass diese Kopplung sogar ohne bewusstes Zutun entsteht (Hoffmann, Janssen & Turner 2004) und im Gehirn eine eigene Signatur hinterlässt (Klucken et al. 2009).
Der Psychoanalytiker Robert Stoller fasste den Kern schon vor fünfzig Jahren in einen Satz: Die sexuelle Fantasie verwandelt einen frühen Schmerz in einen späten Triumph (Stoller 1975).
Wo früher Ohnmacht war, inszeniert der Fetisch Kontrolle. Wo früher Kälte war, inszeniert er Wärme.
Und es sind keine Einzelfälle. Unsichere frühe Bindung erhöht das Risiko für späteres zwanghaftes Sexualverhalten, vermittelt über die Schwierigkeit, eigene Gefühle zu regulieren (Wizła & Lewczuk 2024).
Frühe Traumatisierung tut dasselbe (Efrati & Gola 2019), ebenso die tief eingeschliffenen Denkmuster, die die Schematherapie frühe maladaptive Schemata nennt (Efrati, Shukron & Epstein 2021).
Du willst wissen, ob hinter deinem Konsum mehr steckt als eine Vorliebe? Der kostenfreie, anonyme Sexsucht-Test zeigt es dir in drei Minuten.
Warum ausgerechnet dieser Fetisch und kein anderer?
Wenn der Fetisch ein nachgebauter Raum ist, dann verrät seine Einrichtung, aus welchem Zimmer er stammt.
Vier Beispiele aus der Betreuung, anonymisiert. Jedes zeigt dieselbe Architektur.
Ein Kleinkind wächst bei einer Mutter auf, die körperlich da ist und emotional weit weg. Sie nimmt es selten hoch, sucht selten den Blick.
Vom Boden aus erreicht das Kind nur eines: ihre Füße. Manchmal, am Tisch, streift ihr nackter Fuß beiläufig seinen Rücken. Es ist die verlässlichste Berührung, die es kennt.
Jahrzehnte später ist der Fuß für diesen Mann sexuell aufgeladen, und kein anderer Teil des Körpers.
Nicht, weil mit ihm etwas nicht stimmt. Sondern weil der Fuß der einzige Ort war, an dem Liebe je ankam.
Zweites Zimmer. Ein sensibler Junge, ein Vater, der Schwäche verachtet. Bei Tränen fällt der Satz: Stell dich nicht an, du bist doch kein Mädchen.
Männlichkeit wird für dieses Kind zur Quelle von Schmerz. Trost findet es nur im Weiblichen.
Der Raum, in den es später flüchtet, ist die weibliche Rolle. Dort wird es nicht bewertet. Dort ist es sicher.
Da geht es um Macht und Ohnmacht, um Bestrafung, Erniedrigung. Und genau das kann ich im realen Leben nicht zulassen. Dagegen habe ich mein ganzes Leben lang angekämpft. Und in diesen Pornos kann es halt stattfinden.
Drittes Zimmer. Ein Junge sitzt auf der Treppe und hört seine Eltern über Geld streiten. Er ist zehn.
In seiner Fantasie gibt er der Mutter seinen letzten Schein, und ihr Gesicht kippt von Verzweiflung in Dankbarkeit.
Von da an ist ein Bild verknüpft: Wer zahlt, wird geliebt.
Der erwachsene Mann schickt fremden Frauen im Netz Geld und schämt sich dafür, ohne zu wissen, dass er nur den Moment auf der Treppe nachstellt.
Viertes Zimmer, und das eindrücklichste. Ein Mann, mit zwei Jahren adoptiert, hatte zwei völlig verschiedene Arten von Rückfällen.
Die einen waren hart und selbstzerstörerisch: bezahlte Erniedrigung, Domina, Sissy. Sie machten den größeren Teil aus.
Die anderen waren auffällig sanft: ganz normale Aufnahmen von Frauen, die für sich waren, ohne jede Härte.
Zwei Räume in einem Mann.
Der erste stammte aus den ersten zwei Jahren, aus Chaos, Kälte und dem Zurückgelassenwerden. Der zweite aus der Zeit nach der Adoption, aus einer Geborgenheit, die zugleich ängstlich und überbehütend war.
Zwei ungelöste Zimmer. Zwei Sorten Fetisch, die er immer wieder aufsuchte, um in jedem den fehlenden Ausgang zu finden.
Dieselbe Architektur erklärt die übrigen Muster. Den Cuckold, der als Junge im Schatten eines übermächtigen Vaters kapitulierte. Den Schwangerschaftsfetisch, der die eine ruhige, strahlende Phase der Mutter konserviert. Die Sehnsucht, dominiert zu werden, aus einer Kindheit, in der es nie sicher war, die Kontrolle abzugeben.
Jedes Zimmer ist anders eingerichtet. Der Grundriss ist derselbe.
Dieselbe Architektur steckt auch hinter dem Homosexuellen-Fetisch, dem Hypnose-Fetisch und dem Voyeurismus- oder Spann-Fetisch. Jeweils dasselbe Bedürfnis, nur in einem anderen Zimmer.
Wie sich dieser Zwang Schritt für Schritt auflösen lässt, egal aus welchem Zimmer er stammt, liest du im übergeordneten Praxis-Leitfaden Porno-Fetisch verstehen und lösen.
Warum kann ich nicht einfach aufhören?
Ab hier wird es persönlich, also rede ich direkt zu dir.
Bewusst merkst du es genau. Es tut danach weh. Es beschämt dich. Trotzdem gehst du wieder hin.
Weil der Raum des Fetisches, und vor allem der Moment der Ejakulation, das beste Gefühl von Lösung ist, das du bisher gefunden hast.
Dein Gehirn ist eine Maschine, die nach Lösungen sucht. Es bringt dich immer zur besten Option, die es kennt. Gerade ist das diese.
Zwei Dinge passieren dabei gleichzeitig.
Das erste: Die Erleichterung belohnt. Jede Wiederholung gräbt die Spur tiefer. Bei zwanghaftem Sexualverhalten ist genau diese erlernte Kopplung im Gehirn messbar verstärkt (Klucken et al. 2016).
Das zweite: Es ist nie die echte Lösung. Also meldet sich das Verlangen wieder.
Und weil das Belohnungssystem stärker auf die Vorfreude reagiert als auf die Befriedigung selbst, jagst du einem Gefühl hinterher, das im Moment des Konsums schon wieder wegrutscht (Gola et al. 2017).
Deshalb reicht dieselbe Dosis nicht lange. Um an das Gefühl vom Anfang zu kommen, muss es härter werden, extremer, weiter weg von dem, was dir eigentlich gefällt.
Die Pornos werden mit der Dauer der Rückfallphasen härter. Nicht weil ich das will oder diesen fiesen Scheiß mag, das finde ich teils zu eklig, sondern weil ich sonst nichts mehr fühle. Sobald da ein bisschen Adrenalin im Spiel ist, funktioniert es wieder ein Stück weit.
Dieses Immer-mehr ist kein Charakterfehler. Es ist als Muster messbar, die Steigerung der Menge ist der zentrale Knoten der Eskalation (Ince et al. 2024).
Gleichzeitig sinkt die Fähigkeit, gegen den Reiz zu bremsen (Antons & Brand 2020), und die Wahl fällt immer öfter auf die Sofortbelohnung statt auf das, was dir langfristig wichtig ist (Negash et al. 2016).
Je mehr Stress, desto stärker der Sog. Bei Männern mit zwanghaftem Sexualverhalten ist sogar die körperliche Stressachse messbar verstellt (Chatzittofis et al. 2016).
Ich merke bei meinem Rückfall, dass ich einen Punkt erreiche, wo ich es nicht mehr mache, weil ich richtig Lust drauf habe, sondern einfach, weil ich einen emotionalen Zufluchtsort suche.
Irgendwann kapert dieses System deine normale Sexualität.
Willst du sie einfach so leben, mit einem echten Menschen, ohne das alte Drehbuch, springt nichts mehr an. Manche Männer erleben genau das: am Bildschirm funktioniert alles, bei der Frau, die sie wollen, versagt der Körper (als Hypothese diskutiert: Park et al. 2016).
Als ich dann wirklich sehr verliebt war, hatte ich extrem starke Erektionsprobleme. Ich konnte überhaupt keinen Sex mehr haben. Weil ich so überreizt war von den Pornos, dass ich beim Sex einfach nichts mehr spüren konnte.
Der kindliche Anteil hat sich das Sexualsystem geliehen, um eine alte Wunde zu heilen. Und die Sexualität zahlt den Preis.
Die fünf Zutaten der Befreiung haben wir in einem kostenlosen Buch gesammelt. Hier ist der Blueprint.
Wie löst du den Fetisch an der Wurzel?
Nicht, indem du gegen ihn kämpfst.
Das ist der erste Reflex fast aller. Hassen, unterdrücken, sich schämen.
Und je härter der Kampf, desto lauter kommt das Verlangen zurück, weil du mit dem Fetisch das Bedürfnis mitbekämpfst, das darunter liegt.
Erinnerst du dich an den Anfang? Der Fetisch ist eine Nachricht. Man löscht keine Nachricht, indem man den Boten erwürgt.
Ein großer Teil des Drucks entsteht ohnehin nicht aus dem Verhalten, sondern aus dem Krieg dagegen. Wo Konsum und eigene Moral hart aufeinanderprallen, wächst das Leid oft stärker als durch den Konsum selbst (Grubbs et al. 2019).
Scham ist also nicht die Lösung. Sie ist Teil des Problems.
Der Weg raus ist kein Kampf. Er ist ein Rückholen. Und er läuft in vier Bewegungen.
Erstens: das Verlangen früh bemerken. Es kommt lange vor dem Rückfall. In diesem Moment übernimmt der kindliche Anteil das Steuer, der noch immer nach der alten Lösung sucht. Du darfst hier aussteigen, bevor das Drehbuch startet, nicht mit Willenskraft, sondern mit einem Schritt zurück in die Gegenwart. In der Psychotherapie heißt das Grounding.
Zweitens: falls der Rückfall doch kommt, darf er einem Drehbuch folgen, das du vorher festgelegt hast. Bei starkem Verlangen ist es schon ein Sieg, ihn geordnet ablaufen zu lassen statt kopflos. Analyse mitten im Sog gelingt selten. Erst zurück in die Gegenwart, dann handlungsfähig, der Rest kommt später.
Drittens: danach reflektieren, in Ruhe. Was war der Auslöser? Welches Bedürfnis hat sich gemeldet? Welcher Anteil hatte das Ruder? Und was hätte dieser Anteil damals wirklich gebraucht?
Viertens: das innere Kind zurückholen. Hier entscheidet sich alles.
Stell dir die Szene von damals vor. Du siehst sie von außen, als Beobachter. Aber dein inneres Kind sitzt nicht bei dir.
Es sitzt bei deinen Eltern, bei denen, die du für Götter gehalten hast, und wartet, dass von dort die Lösung kommt.
Sie kam nie. Nicht, weil du zu wenig warst, sondern weil die, bei denen es saß, die Situation selbst nicht lösen konnten. Die Verantwortung lag damals bei ihnen.
Heute liegt sie bei dir. Nicht als Schuld. Als Möglichkeit.
Das ist das Paradoxe an der Lösung. Sie besteht darin, zu fühlen, dass im Raum des Fetisches keine Lösung liegt.
Du kannst dort noch zehn Jahre suchen. Da ist nichts.
Und in dem Moment, in dem du das nicht nur weißt, sondern spürst, darfst du das Kind aus diesem Raum zu dir zurückholen. Und selbst der Erwachsene werden, den es damals gebraucht hätte.
Denn unter jedem Fetisch liegt kein kranker Trieb. Darunter liegt ein gesundes Bedürfnis. Nach Anerkennung. Nach Sicherheit. Nach Wärme.
Der Weg dahin hat sich verbogen. Das Bedürfnis selbst war immer richtig.
Gibst du ihm im echten Leben, was es sucht, verliert der Fetisch seine Ladung. Du musst ihn nicht bekämpfen. Er wird überflüssig.
Fang mit diesen Fragen an
Der Rahmen sind die vier Bewegungen. Das Werkzeug sind Fragen, die du dir selbst stellst, ehrlich, mit dem ersten Bauchgefühl. Nimm dir für jede kurz Zeit.
Wenn du dir den Moment des Konsums genau ansiehst, wann entspannt sich dein Körper am meisten? Vor der Erregung, mittendrin, oder da, wo klar ist, dass dich niemand bewertet?
Welches Gefühl suchst du kurz bevor du hingehst? Selten ist es Lust. Öfter ist es Druck, Leere oder Stress, dem du entkommen willst.
Was fällt in der Fantasie weg, das dich bei einem echten Menschen belastet? Zähl es konkret auf, nicht abstrakt.
Wonach greifst du in den härtesten Momenten? Nach immer extremerem Material, oder, wenn du ehrlich bist, nach etwas Weichem, Warmem? Die zweite Antwort zeigt auf das eigentliche Bedürfnis.
Welche Situation aus deiner Kindheit könnte derselbe Raum sein? Frag nicht analytisch. Frag, wann du dich zuletzt vor dem Bildschirm genauso gefühlt hast wie irgendwann einmal als Kind.
Fühlt sich der Impuls an wie Neugier, ein Ziehen hin, oder wie Flucht, ein Ausatmen weg? Flucht zeigt auf die Wunde. Neugier auf eine bloße Vorliebe.
Wenn du allein nicht an die Wurzel kommst
Diese Fragen bringen dich weit. Viele Männer spüren hier zum ersten Mal, welches Bedürfnis wirklich am Grund liegt.
Manche Wurzel aber zeigt sich erst, wenn jemand von außen mitschaut. Nicht, weil du zu schwach wärst, sondern weil der eigene blinde Fleck von innen kaum zu sehen ist.
Und manchmal ist der Schritt nach außen schon einmal schiefgegangen.
Ich war bei einer Sexualtherapeutin und habe meine Geschichte erzählt. Daraufhin meinte sie: Nee, das ist keine Sucht, definitiv nicht. Ich habe Patienten, die machen das drei, vier Mal am Tag. Und dann lässt man es halt wieder.
Wenn dir das schon passiert ist, hier die Einordnung. Nicht jeder Konsum ist eine Störung. Aber Kontrollverlust und echter Leidensdruck über Monate sind ein ernstzunehmendes Muster, kein Nichts (WHO ICD-11, Code 6C72).
Erhalte in 20 Minuten Klarheit. Sprich mit einem Spezialisten über deinen Weg raus, kostenfrei, anonym, unverbindlich: Freiheitsgespräch buchen.
Häufige Fragen
Ist ein Fetisch angeboren oder erworben?
In aller Regel erworben. Sexuelle Erregung lässt sich nachweislich an einen zuvor neutralen Reiz koppeln, im Labor gezeigt (Rachman 1966) und später sogar ohne bewusstes Zutun bestätigt (Hoffmann, Janssen & Turner 2004). Ein Fetisch ist damit weniger ein Schicksal als eine erlernte Reaktion, und was gelernt wurde, kann sich wieder ändern.
Bin ich pervers oder krank, wenn mich so etwas erregt?
Nein. Ein Fetisch ist kein Defekt, sondern ein Lösungsversuch für ein unerfülltes Bedürfnis aus der Vergangenheit; Stoller beschrieb ihn als Umwandlung eines frühen Schmerzes in einen späten Triumph (Stoller 1975). Erst Kontrollverlust und echter Leidensdruck über Monate machen aus einer Neigung eine Störung (Kraus et al. 2018).
Wie verbreitet sind ungewöhnliche sexuelle Vorlieben wirklich?
Verbreiteter als fast jeder denkt. Fast die Hälfte der Männer berichtet Interesse an mindestens einem als paraphil geltenden Muster (Joyal & Carpentier 2017), und in einer deutschen Stichprobe waren solche Erregungsmuster normativ, nicht ungewöhnlich (Ahlers et al. 2011; Dawson et al. 2016).
Verschwindet der Fetisch, wenn ich meine Pornosucht in den Griff bekomme?
Oft schwächt er sich deutlich ab, weil Fetisch und allgemeiner Konsum meist dieselbe Wurzel haben. Der Fetisch ist der genauere Schlüssel zu einer konkreten Wunde. Arbeitest du an dieser Wunde, verliert der Schlüssel seine Funktion. Ganz ohne Blick auf die Ursache bleibt ein Rückfallrisiko.
Warum werde ich immer wieder rückfällig, obwohl ich es hasse?
Weil der Konsum kurz Erleichterung belohnt, aber das eigentliche Bedürfnis nie erfüllt. Bei zwanghaftem Sexualverhalten ist die erlernte Kopplung im Gehirn verstärkt (Klucken et al. 2016), und die Steigerung hin zu immer mehr ist als Muster messbar (Ince et al. 2024). Der Hass darauf verstärkt den Sog eher, als ihn zu lösen.
Was hat mein Fetisch mit meiner Kindheit zu tun?
Meist mehr, als bewusst erinnerbar ist. Der Fetisch stellt oft einen frühen, ungelösten Raum nach. Frühe Traumatisierung (Efrati & Gola 2019) und unsichere Bindung (Wizła & Lewczuk 2024) erhöhen nachweislich das Risiko für späteres zwanghaftes Sexualverhalten.
Kann ein Fetisch echte Erektionsprobleme verursachen?
Manche Männer berichten genau das: am Bildschirm funktioniert alles, bei der echten Partnerin versagt der Körper. Ein Teil der Forschung führt das auf Überreizung durch intensiven Konsum zurück, auch wenn der Zusammenhang wissenschaftlich noch umstritten ist und als Hypothese gilt (Park et al. 2016).
Muss ich den Fetisch bekämpfen, um ihn loszuwerden?
Nein, und der Kampf ist meist Teil des Problems. Ein großer Teil des Leidens entsteht aus dem moralischen Konflikt mit dem eigenen Konsum (Grubbs et al. 2019). Wirksamer ist, das Bedürfnis darunter anzuerkennen; strukturierte Verfahren wie die Akzeptanz- und Commitmenttherapie zeigen in kontrollierten Studien deutliche Wirkung (Crosby & Twohig 2016).
Ist der Fetisch für immer, oder verändert er sich?
Er ist nicht in Stein gemeißelt. Ein Fetisch entsteht als erlernte Reaktion auf eine unerfüllte Not. Wird diese Not im echten Leben genährt, verliert die Reaktion ihre Dringlichkeit. Sie muss nicht ausgelöscht werden, sie hört auf, dich zu steuern.
Wissenschaftliche Quellen
1. Rachman, S. (1966). Sexual Fetishism: An Experimental Analogue. The Psychological Record, 16(3), 293-296. doi:10.1007/BF03393671
2. Rachman, S., & Hodgson, R. J. (1968). Experimentally-Induced Sexual Fetishism: Replication and Development. The Psychological Record, 18, 25-27. doi:10.1007/BF03393736
3. Hoffmann, H., Janssen, E., & Turner, S. L. (2004). Classical Conditioning of Sexual Arousal in Women and Men. Archives of Sexual Behavior, 33(1), 43-53. PubMed: 14739689
4. Klucken, T., et al. (2009). Neural Activations of the Acquisition of Conditioned Sexual Arousal. The Journal of Sexual Medicine. PubMed: 19656273
5. Klucken, T., et al. (2016). Altered Appetitive Conditioning and Neural Connectivity in Subjects With Compulsive Sexual Behavior. The Journal of Sexual Medicine, 13(4), 627-636. PubMed: 26936075
6. Stoller, R. J. (1975). Perversion: The Erotic Form of Hatred. New York: Pantheon Books (Neuauflage Routledge). doi:10.4324/9780429478215
7. Efrati, Y., & Gola, M. (2019). The Effect of Early Life Trauma on Compulsive Sexual Behavior Among Members of a 12-Step Group. The Journal of Sexual Medicine, 16(6), 803-811. PubMed: 31080103
8. Wizła, M., & Lewczuk, K. (2024). The Associations Between Attachment Insecurity and Compulsive Sexual Behavior Disorder or Problematic Pornography Use: The Mediating Role of Emotion Regulation Difficulties. Archives of Sexual Behavior, 53, 3419-3436. doi:10.1007/s10508-024-02904-7
9. Efrati, Y., Shukron, O., & Epstein, R. (2021). Early Maladaptive Schemas Are Highly Indicative of Compulsive Sexual Behavior. Evaluation and the Health Professions. PubMed: 33353416
10. Joyal, C. C., Cossette, A., & Lapierre, V. (2015). What Exactly Is an Unusual Sexual Fantasy? The Journal of Sexual Medicine, 12(2), 328-340. PubMed: 25359122
11. Joyal, C. C., & Carpentier, J. (2017). The Prevalence of Paraphilic Interests and Behaviors in the General Population. The Journal of Sex Research, 54(2), 161-171. PubMed: 26941021
12. Dawson, S. J., Bannerman, B. A., & Lalumière, M. L. (2016). Paraphilic Interests: An Examination of Sex Differences in a Nonclinical Sample. Sexual Abuse, 28(1), 20-45. PubMed: 24633420
13. Ahlers, C. J., et al. (2011). How Unusual Are the Contents of Paraphilias? The Journal of Sexual Medicine, 8(5), 1362-1370. PubMed: 19929918
14. Kraus, S. W., et al. (2018). Compulsive sexual behaviour disorder in the ICD-11. World Psychiatry, 17(1), 109-110. PubMed: 29352554
15. World Health Organization. ICD-11, Code 6C72: Compulsive sexual behaviour disorder. Offizielle Diagnosekriterien. icd.who.int/browse11
16. Negash, S., et al. (2016). Trading Later Rewards for Current Pleasure: Pornography Consumption and Delay Discounting. The Journal of Sex Research, 53(6), 689-700. PubMed: 26305628
17. Antons, S., & Brand, M. (2020). Inhibitory control and problematic Internet-pornography use. Journal of Behavioral Addictions, 9(1), 58-70. PubMed: 32359231
18. Ince, C., et al. (2024). Problematic pornography use and novel patterns of escalating use. Addictive Behaviors. PubMed: 38761685
19. Gola, M., et al. (2017). Can Pornography be Addictive? An fMRI Study of Men Seeking Treatment for Problematic Pornography Use. Neuropsychopharmacology, 42(10), 2021-2031. PubMed: 28409565
20. Chatzittofis, A., et al. (2016). HPA axis dysregulation in men with hypersexual disorder. Psychoneuroendocrinology, 63, 247-253. PubMed: 26519779
21. Park, B. Y., et al. (2016). Is Internet Pornography Causing Sexual Dysfunctions? A Review with Clinical Reports. Behavioral Sciences, 6(3), 17. PubMed: 27527226
22. Grubbs, J. B., et al. (2019). Pornography Problems Due to Moral Incongruence: An Integrative Model with a Systematic Review and Meta-Analysis. Archives of Sexual Behavior, 48(2), 397-415. PubMed: 30076491
23. Crosby, J. M., & Twohig, M. P. (2016). Acceptance and Commitment Therapy for Problematic Internet Pornography Use: A Randomized Trial. Behavior Therapy, 47(3), 355-366. PubMed: 27157029
Dieser Artikel ersetzt keine ärztliche oder therapeutische Beratung. Bei akutem Leidensdruck oder Suizidgedanken wende dich an die Telefonseelsorge unter 0800 111 0 111 oder im Notfall an 112.
Erhalte in 20 Minuten Klarheit: Jetzt schnell und anonym ein Gespräch mit einem erfahrenen Erotiksucht-Spezialisten anfordern: