Der Hai war kaputt.
Als Steven Spielberg 1974 „Der weiße Hai“ drehte, ging sein mechanischer Hai im Salzwasser ständig kaputt.
Spielberg musste improvisieren.
Statt des Hais zeigte er eine Rückenflosse, gelbe Fässer, die plötzlich abtauchen, und zwei tiefe Töne im Orchester.
Den ganzen Hai sieht das Publikum erst nach über einer Stunde.
Aus der Panne wurde eine Technik, um die Spannung in schwindelerregende Höhen zu treiben:
Wie sah der Hai jetzt wirklich aus?
Die Zuschauer hielten die Luft an, weil die Spannung nie ganz aufgelöst wurde: Sie stieg, wurde gehalten, löste sich kurz am Strand und stieg wieder.
Es wurde einer der erfolgreichsten Filme der Geschichte.
Jetzt stell Dir dieselbe Geschichte vor, nur wird der Hai in Minute zehn gefangen.
Danach anderthalb Stunden Strandurlaub.
Sonnencreme, Eis, Sandburgen.
Niemand würde diesen Film heute noch kennen.
Genau diesen zweiten Film spielt Dein Nervensystem bei jedem Porno-Rückfall ab.
Eine Spannung taucht auf, und bevor die Geschichte beginnen kann, ist der Hai schon gefangen.

Und hier wird es interessant: Dieselbe Fähigkeit, die Dich vor dem Rückfall schützt, entscheidet auch, ob es zwischen Dir und einer Frau knistert, ob Dein Wort in einem Konflikt Gewicht hat und ob in einer langen Beziehung noch Lust lebt.
Denn Anziehung ist, nüchtern betrachtet, Spannung, die jemand halten kann.
In diesem Artikel erfährst Du, warum Dir Spannung so schnell zu viel wird, warum sich der Rückfall gut anfühlt und Dich trotzdem keinen Millimeter weiterbringt, wie Flirt, Konflikt und Begehren mechanisch funktionieren und wie Du Dein Nervensystem Gefühl für Gefühl trainierst.
Nice-Guy-Verhalten, Pornosucht und unterdrückte Männlichkeit sind oft ein Konglomerat an Symptomen mit einer ähnlichen Herkunft - dem Nervensystem.
Warum Dir die Spannung so schnell zu viel wird
Ein guter Film lebt vom Wechsel zwischen Spannung und Entspannung, ein gesundes Leben auch.
Wer flexibel zwischen beidem hin und her wechseln kann, ist lebendig und handlungsfähig.
Viele Männer haben genau das nie gelernt.
Nicht, weil sie zu schwach oder zu undiszipliniert wären, sondern weil ihr Nervensystem nicht die Kapazität dafür hat.
Stell Dir Dein Nervensystem wie die Stromleitungen in einem Haus vor.
Jedes Gefühl, jeder Stress, jede Freude ist Strom, der durch diese Leitungen fließt.
Dicke Kabel tragen viel Last.
Dünne Kabel werden schon bei mittlerer Last heiß.
Deshalb hat jedes Haus einen Schutzschalter: Wird die Last zu groß, fliegt die Sicherung raus, bevor die Leitungen Schaden nehmen.
Dein Nervensystem hat auch so einen Schutzschalter.
Bei vielen Männern ist es der Porno-Rückfall.

Die Psychologie nennt den Bereich, in dem Dein Nervensystem Spannung sicher tragen kann, das Stresstoleranzfenster (window of tolerance, Siegel 1999).
Das Entscheidende: Du hast nicht ein Fenster, sondern für jedes Gefühl ein eigenes.
Angst hat ein anderes als Scham, Einsamkeit ein anderes als Wut.
Das gilt für angenehme Gefühle genauso wie für unangenehme.
Manche Männer halten Trauer gut aus, aber keine Freude.
Andere kommen mit Leistungsdruck klar, aber nicht mit Zurückweisung.
Was bisher geschah: Thomas‘ Abend nach dem Applaus
Im ersten Teil dieser Serie ging es darum, warum Männer bei Pornosucht rückfällig werden, obwohl sie es nicht wollen.
Falls Du ihn nicht gelesen hast: Thomas ist 36 und hat gerade den größten beruflichen Erfolg seines Lebens gefeiert.
Pressekonferenz, Scheinwerferlicht, jahrelange Arbeit, die sich ausgezahlt hat.
Am Abend kommt er in seine leere Wohnung.
Seine Ehe ist gescheitert, niemand ist da, mit dem er seine Freude teilen kann.
Und er hat einen Rückfall.
Als Kind war seine Freude seinen Eltern schnell zu viel, oder es war einfach niemand da.
Sein Nervensystem hat nie gelernt, die Spannung von Freude in Verbindung mit einem anderen Menschen zu halten.
Für Freude ist sein Fenster winzig.

Also braucht er ein Hilfsmittel, das die Spannung schnell senkt.
Das hat er als Jugendlicher in der Pornografie gefunden: keine Ablehnung, schnelle Entladung.
Warum der Rückfall sich so gut anfühlt und Dich keinen Millimeter weiterbringt
Ein gutes Maß für Dein Wohlbefinden ist der Abstand zwischen zwei Linien: der Spannung, die Du gerade spürst, und der Oberkante Deines Fensters.
Ist der Abstand groß, fühlst Du Dich frei.
Kommt die Spannung nah an die Oberkante, wird es eng.
Kurz vor einem Rückfall liegt die Spannung meist knapp unter dieser Grenze.
Dein Gehirn schaltet dann oft in eine Art Notfallprogramm, in dem die Selbstkontrolle schwächer wird.
Was morgen ist, spielt keine Rolle mehr.
Es zählt nur noch, die Spannung jetzt zu senken.
Durch die Ejakulation fällt sie schlagartig auf null.
Der Abstand zur Oberkante ist plötzlich riesig, und das fühlt sich extrem gut an: erleichtert, reguliert, frei.
Forschende der Universität Duisburg-Essen fanden, dass Pornokonsum die Stimmung messbar verändert und dass genau diese Veränderung als Belohnung wirken kann, die das Verhalten verstärkt (Laier & Brand 2017).

Aber schau genau hin, wie dieser Abstand entstanden ist.
Nicht, weil Dein Fenster gewachsen ist, sondern weil die Spannung zwangsweise abgesenkt wurde.
Du hast die Spannung rausgeräumt und kurz Platz geschaffen, aber Deine Linie ist nicht nach oben gewachsen.
Beim nächsten Erfolg, beim nächsten Streit, beim nächsten einsamen Abend liegt die Oberkante genau da, wo sie vorher lag.
Dazu kommt eine Schwelle im Kopf, die sich mit jedem Mal leichter überschreiten lässt.
Wenn Du weißt, dass es diesen Notausgang gibt, warum solltest Du Dich noch der Unsicherheit eines echten Gesprächs, eines Konflikts oder eines Flirts aussetzen?
Süchtig macht nicht das Bild auf dem Bildschirm, sondern die Möglichkeit, jede Spannung per Knopfdruck auf null zu setzen, auch die angenehme.
Emotionale Regulation auf Knopfdruck, ohne Anstrengung.
Ein gängiges Forschungsmodell beschreibt genau diesen Kreislauf: Das Verhalten wird nicht nur über Genuss verstärkt, sondern auch darüber, dass es unangenehme Gefühle ausgleicht, und so verfestigt es sich mit der Zeit (Brand et al. 2016).

Die naheliegende Gegenidee: Dann halte ich die Spannung eben mit purer Willenskraft aus.
Auch das trägt selten lange.
Wenn Du Dir den Schutzschalter nur verbietest, ohne dass Deine Leitungen dicker werden, bleibt die Spannung über Deiner Grenze, und die Kabel beginnen zu schmoren.
Im echten Leben fühlt sich das oft an wie Dauerstress, innere Taubheit oder starke Unruhe, bei manchen bis hin zu Panikattacken oder depressiven Einbrüchen.
Der Weg führt also weder über Entladung noch über Zähne zusammenbeißen.
Er führt über Wachstum.
Und was Du dabei gewinnst, verstehst Du erst, wenn Du siehst, wofür Spannung eigentlich da ist.
Porno ist ein Kurzschluss: wie Spannung Anziehung erzeugt
In der Elektrotechnik gibt es zwei sehr verschiedene Arten, wie sich Spannung entlädt.
Beim Kurzschluss fließt der Strom auf dem kürzesten Weg ab, ohne durch ein Gerät zu gehen: viel Energie, nichts wird angetrieben, die Leitungen werden heiß.
Beim Funken springt die Spannung zwischen zwei Polen über, und zwar erst, wenn sich zwischen ihnen genug aufgebaut hat.
Pornografie ist ein Kurzschluss.
Die Spannung fließt ab, ohne durch einen anderen Menschen zu gehen.
Kein Gegenüber, kein Risiko einer Ablehnung, keine Antwort.
Sex zwischen zwei Menschen ist der Funke.
Er braucht zwei Pole und jemanden, der die Spannung zwischen ihnen lange genug halten kann.
Ohne zwei Pole keine Spannung
Spannung entsteht nur dort, wo ein Unterschied ist.
Bei einer Batterie hängt sie vom Ladungsunterschied zwischen Plus und Minus ab: Je größer der Unterschied, desto höher die Spannung.
Zwei gleich geladene Pole erzeugen nichts.
Zwischen Menschen ist es ähnlich.
Menschen sind verschieden, und genau diese Verschiedenheit macht aus zwei Personen zwei Pole.
Wo zwei Pole sind, entsteht ein spürbares Gefälle, und dieses Gefälle erleben wir als Anziehung.
Kommen zwei verschiedene Pole zusammen, reiben sie sich.
Konflikt ist deshalb kein Fehler in der Beziehung, sondern der Beweis, dass beide noch eigenständig existieren.
Wird diese Reibung erwachsen ausgehalten, behalten beide ihre Kontur, und aus Reibung wird Hitze.
Das Aushalten des Konflikts gibt dem Feuer Luft zum Atmen.
Jede aufgebaute Spannung drängt irgendwann nach Ausgleich, und zwischen zwei geladenen Polen heißt dieser Ausgleich: Begehren, Sex.

Wie Anpassung die Lust tötet
Das Gegenteil passiert, wenn der Konflikt aus Angst vor Streit vermieden wird.
Einer rechtfertigt sich, beschwichtigt sofort, gibt nach, sagt Ja, wo er Nein meint.
Oft steckt emotionale Abhängigkeit dahinter: Die Angst, den anderen zu verlieren, ist größer als der Mut, ihm etwas entgegenzusetzen.
Beide passen sich an, bis keine Reibungsfläche mehr da ist.
Ohne Kanten erlischt die Spannung.
Dazu kommt ein Mechanismus, den kaum jemand auf dem Schirm hat: Wer seine Kontur aufgibt, zwingt den anderen, sie für beide zu übernehmen.
Irgendjemand muss ja entscheiden, führen, die Dinge in die Hand nehmen.
So gleichen sich zwei Pole an, statt sich zu ergänzen, und der Ladungsunterschied schrumpft von beiden Seiten.
Der finnische Anthropologe Edvard Westermarck beschrieb schon 1891, dass Menschen, die eng und vertraut wie Geschwister aufwachsen, einander später kaum sexuell begehren (Westermarck 1891).
Etwas Ähnliches erleben viele Paare nach Jahren der Harmonie: Das Nervensystem stuft den Partner irgendwann als vertrauten, harmlosen Mitbewohner ein, und das Begehren schläft ein.
Oft nicht, weil zu viel gestritten wurde, sondern zu wenig.
Warum ein Flirt knistert
Ein Flirt ist das bewusste Aufbauen und Halten einer Spannung, ohne sie sofort zu entladen.
Drei Mechanismen machen ihn wirksam.
Erstens: Unsicherheit.
Dopamin, der Botenstoff für Verlangen und Erwartung, reagiert besonders auf Ungewissheit.
In Versuchen der Arbeitsgruppe um Wolfram Schultz feuerten bestimmte Dopamin-Neuronen dann am anhaltendsten, wenn eine Belohnung genau zur Hälfte wahrscheinlich war, also weder sicher noch ausgeschlossen (Fiorillo, Tobler & Schultz 2003).
Zwischen Menschen zeigt sich dasselbe: In einer Studie der Universitäten Virginia und Harvard fanden Frauen die Männer am anziehendsten, bei denen sie nicht wussten, ob diese sie sehr oder nur mittelmäßig mochten.
Sogar anziehender als Männer, die sie nachweislich sehr mochten.
An diese Männer dachten sie auch am häufigsten (Whitchurch, Wilson & Gilbert 2011).
Erotik und Berechenbarkeit vertragen sich schlecht.
Witz, eine überraschende Wendung, ein Satz, der offen lässt, wie er gemeint ist: All das hält die Spannung in der Schwebe.
Zweitens: Erregung wird als Anziehung gelesen.
In einem berühmten Experiment sprach eine Interviewerin Männer entweder auf einer schwankenden Hängebrücke über einer Schlucht an oder auf einer stabilen, niedrigen Brücke.
Die Männer auf der Hängebrücke schrieben deutlich mehr sexuelle Inhalte in ihre Geschichten und riefen die Frau danach häufiger an (Dutton & Aron 1974).
Dein Nervensystem unterscheidet nicht sauber zwischen Nervosität und Begehren.
Erregung ist erst einmal nur Ladung.
Ob Du sie als Anziehung erlebst oder als Panik, hängt davon ab, ob Du sie halten kannst.
Drittens: Präsenz.
Ein Mann, der die Spannung aushält, ohne zu flüchten oder zu klammern, bleibt bei sich.
Er muss nicht nachschieben, erklären oder sich rückversichern.
Er kann eine Pause stehen lassen, einem Blick standhalten und auf eine Stichelei mit einem Lächeln antworten.
Genau das wirkt ruhig, sicher und anziehend.

Der Nice-Guy-Reflex ist derselbe Schutzschalter
Jetzt schließt sich der Kreis.
Der Mann, der nach einem Streit nicht schlafen kann, bis alles wieder gut ist, der sich bei jeder Spitze rechtfertigt, der im Flirt sofort alles klarstellt, damit bloß keine Unsicherheit entsteht: Er tut im Kontakt genau das, was der Rückfall allein vor dem Bildschirm tut.
Er senkt die Spannung, bevor sie ihm zu viel wird.
Beschwichtigen, rechtfertigen, anpassen, flüchten, Porno: fünf Wege, denselben Schalter zu ziehen.
Sie fühlen sich kurz sicherer an und kosten auf Dauer genau das, was Du eigentlich willst: Nähe, Respekt und Begehren.
Deshalb hängen Porno-Rückfälle und fehlende Anziehung so oft zusammen.
Beide wurzeln in einem Nervensystem, das Spannung nicht halten kann.
Echte Stärke liegt dabei weder im weichen Anpassen noch im harten Machogehabe, das nur eine andere Form der Flucht ist.
Sie liegt in der Mitte: klar in der Sache, warm im Kontakt und fähig, eine Spannung stehen zu lassen, ohne sie wegzumachen oder mit Härte zu überspielen.

Dickere Kabel statt schnellerer Sicherung
Was Du vermutlich wirklich willst, ist nicht, die Spannung loszuwerden.
Du willst mit jeder Spannung umgehen können, egal wie hoch sie ist.
Dann wirst Du unabhängig von allem, was sie für Dich herunterregelt, seien es Pornos, Alkohol, Dauerscrollen oder andere Drogen.
Die gute Nachricht: Ein Nervensystem ist kein fest verlegtes Kabel.
Es ist lebendig und kann mit Training mehr tragen.
Stell Dir zwei Männer vor, die beide sehr viel Energie in sich tragen.
Der eine hat keine Übung darin, sie zu halten, und irgendwann bleibt ihm nur der Rückfall.
Der andere steckt dieselbe Energie in sein Leben wie ein Profisportler in sein Training und wird jeden Tag stärker.
Die Energie ist dieselbe.
Der Umgang mit ihr entscheidet.
Ein Nervensystem, das mehr halten kann, gibt Dir vor allem Mut.
Du musst dem schwierigen Gespräch mit Deinem Chef nicht mehr ausweichen, nicht dem Konflikt mit Deiner Partnerin und nicht der Frau, die Du gern ansprechen würdest.
Denn Du weißt, dass Du die Spannung, die dabei entsteht, tragen kannst.
So wächst Dein Fenster: das Training, Gefühl für Gefühl
Der erste Schritt klingt einfach und ist doch der schwierigste: Du lässt das Gefühl zu.
Nicht, indem Du Dich hineinstürzt, bis Du überflutet wirst, sondern dosiert und geerdet.
Erdung ist in diesem Bild die Verbindung zu etwas Größerem, das die Spannung auffängt.
In der Elektrotechnik nimmt die Erde als riesiger Speicher Spannungsspitzen auf und leitet sie ab, bevor sie Schaden anrichten.
Übertragen heißt das: Wenn Du Dich sicher, verbunden und im Körper verankert fühlst, kannst Du ein Gefühl zulassen, weil Du weißt, dass Du aufgefangen wirst, wenn es doch zu viel wird.
Als Kind hättest Du diese Erdung im Idealfall über Tausende Wiederholungen mit Deinen Eltern gelernt.
Als Erwachsener kannst Du sie nachholen, schneller, als Du vielleicht denkst, aber nur durch Wiederholung.
Die vier Wege, emotional stärker zu werden
In der Arbeit mit Männern hat sich eine einfache Übersicht bewährt.
Sie verbindet zwei Wege, Meditation und Kommunikation, mit zwei Richtungen: Spannung bewusst erhöhen, um das Fenster zu dehnen, und Spannung gesund regulieren, um nicht über die Grenze zu kippen.

Meditation, Spannung erhöhen: Gefühl zulassen.
Du setzt Dich hin, holst Dir eine Situation vor Augen, die ein bestimmtes Gefühl auslöst, und lässt es in kleinen Dosen da sein, ohne es wegzumachen.
Bei Thomas wäre das Freude: Er erinnert sich an die Pressekonferenz, spürt nach, wo die Freude im Körper sitzt und wie sie sich ausbreiten will, und bleibt dabei.
Meditation, regulieren: Erdungs-Meditation.
Du spürst Deine Füße, Dein Gewicht, Deinen Atem und lässt überschüssige Spannung nach unten abfließen, statt sie zu entladen.
Schon wenige Minuten können reichen, wenn Du es regelmäßig tust.
Kommunikation, Spannung erhöhen: authentisch sein.
Das ist der Schritt in die echte Welt: Du zeigst, was in Dir ist, auch wenn es unsicher ist.
Du flirtest, statt Dich zu verstecken.
Du trägst einen Konflikt erwachsen aus, statt ihn zu schlucken oder zu explodieren.
Jedes Mal, wenn Du dabei die Spannung hältst, kann Dein Fenster ein Stück wachsen, und zwischen Dir und dem anderen bleibt der Unterschied, der Anziehung erst möglich macht.
Kommunikation, regulieren: die Dialog-Übung.
Hier nutzt Du, was Kinder im Idealfall von ihren Eltern bekommen: Ko-Regulation, also Beruhigung durch einen anderen Menschen.
Ihr sitzt Euch zu zweit gegenüber.
Einer erzählt drei bis fünf Minuten, was ihn gerade bewegt, und bleibt bei seinen Gefühlen: keine Rechtfertigung, keine Lösung, keine Vorwürfe.
Der andere hört nur zu, ohne zu bewerten.
Dann wechselt Ihr.
Für den Alltag gibt es eine Kurzversion, einen einzigen Satz an einen Freund oder Deine Partnerin:
„Hörst Du mir kurz zu? Ich brauche keinen Rat, nur jemanden, der zuhört.“
Wenn die Spannung auf zwei Nervensysteme verteilt wird, sinkt sie, ohne dass jemand den Schutzschalter ziehen muss.
Dass sich unser autonomes Nervensystem über das Gegenüber beruhigt, über Stimme, Blick und Zuwendung, beschreibt die Polyvagal-Theorie (Porges 2009).
Über allen vier Feldern steht ein Wort: Frequenz.
Nicht die eine große Übung macht den Unterschied, sondern wie oft Du übst, sprichst und zuhörst.
Ein Muskel wächst durch viele Wiederholungen, nicht durch einen einzigen Kraftakt, und Dein Nervensystem auch.
Was hätte ein guter Vater jetzt gesagt?
Eine der wirksamsten Fragen in diesem Training lautet: Was hätten ideale Eltern damals gemacht, als dieses Gefühl da war?
Und was hättest Du ganz genau gebraucht?
Vielleicht hätte Thomas als Kind jemanden gebraucht, der sich mit ihm freut, statt ihn leiser zu machen.
Jemanden, der sagt: „Wow, Du strahlst ja richtig, erzähl mal, was ist passiert?“
Und falls es doch zu viel wird: „Ich merke, das ist ganz schön viel Energie gerade, aber keine Sorge, das halte ich aus.
Du darfst Dich freuen.“
Ideale Eltern lösen das Gefühl nicht für ihr Kind.
Sie spiegeln es, geben ihm Raum und bleiben in Verbindung, egal wie groß das Gefühl ist.
Genau das kannst Du heute für Dich selbst tun.
Wenn Du frustriert bist und das Verlangen kommt, frag Dich: Was würde mir jetzt wirklich helfen?
Vielleicht eine väterliche Hand auf der Schulter und die Frage:
„Was frustriert Dich denn genau? Erzähl mir mehr.“
Diese Stimme kannst Du in der Meditation für Dich selbst sein, und Du kannst sie Dir in echten Gesprächen holen.
In der Therapie nennt man das Reparenting.
Du hörst auf, auf die Eltern zu warten, die damals nicht da waren, und wirst selbst der Erwachsene, der Dein inneres Kind an die Hand nimmt.
Das ist der Schritt aus der kindlichen Konsumhaltung, in der Du Dir etwas von außen holen musst, in eine erwachsene, gebende Haltung Dir selbst gegenüber.
Erst den Trainingseffekt, dann den Notausgang
Heißt das, dass Du ab heute keinen schwierigen Moment mehr erleben darfst, ohne sofort die perfekte Übung zu machen?
Nein.
Im Alltag geht es oft zuerst darum, Zeit zu gewinnen: Du schiebst den Impuls auf und entscheidest bewusst, dass Du jetzt nicht sofort handeln musst.
Spätestens am Abend oder am nächsten Tag verarbeitest Du, was da war, in einer Meditation oder einem Gespräch.
Erst aufschieben, dann lösen, denn ein Gefühl, das nur aufgeschoben wird, kommt wieder.
Und wenn Du merkst, dass Du gerade nur noch flüchten willst, stell Dir diese eine Frage: Kann ich den Trainingseffekt noch mitnehmen, bevor ich den Notausgang nehme?
Vielleicht zwei Minuten länger bei dem Gefühl bleiben.
Vielleicht eine Nachricht an einen Freund, bevor Du den Browser öffnest.
Den Notausgang kannst Du danach immer noch nehmen, aber jede Minute, die Du vorher bewusst in der Spannung bleibst, ist eine Wiederholung für Dein Nervensystem.
Das fühlt sich am Anfang oft nicht gut an, und das ist normal.
Dieses Unbehagen ist der Preis dafür, dass Gefühle zurückkommen, die lange weggesperrt waren.
Du musst dieses Training nicht allein machen: Wie Hilfe bei Pornosucht aussieht, die am Nervensystem ansetzt statt an der Willenskraft, beschreibt FreiVonX auf der Seite zu seinem Ansatz.
Die Wege raus: Wo stehst Du gerade?
Ein Rückfall beginnt nicht in dem Moment, in dem Du die Seite öffnest.
Er hat ein Vorher, einen Moment der Entladung und ein Danach, und jede dieser Phasen braucht etwas anderes.

- Vorher, wenn die Spannung steigt: Halte in Deinem Rückfalldrehbuch fest, wie Dein typischer Ablauf beginnt, damit Du weg bist, bevor die Seite offen ist.
- Jetzt, wenn der Drang da ist: Die Soforthilfe für den akuten Moment bringt Dich in 3 Minuten durch die nächste Welle.
- Direkt danach: Statt Dich zu verurteilen, lies, warum Du nicht kaputt bist und was Dein Gehirn gerade geschützt hat.
- Langfristig: Verschwindet nach ein paar Wochen die Lust, ist das die Flatline. Was in den ersten drei Monaten passiert, zeigt der Verlauf der 90 Tage Pornografie-Entzug.
- Und wenn Du nicht sicher bist, wie tief Du drinsteckst: Der Selbsttest gibt Dir in zehn Fragen eine ehrliche Einschätzung.
Ein Jahr später: Thomas‘ nächster großer Abend
Ein Jahr ist vergangen.
Thomas steht wieder im Scheinwerferlicht, diesmal für das Nachfolgeprodukt.
Wieder Applaus, wieder Glückwünsche, wieder diese riesige Freude.
Am Abend schließt er die Tür seiner Wohnung auf.
Aber diesmal bleibt er im Flur stehen und spürt nach.
Die Freude ist da, warm im Brustkorb, fast ein bisschen zittrig.
Und ja, auch ein Hauch der alten Leere meldet sich.
Er erkennt sie, sie ist ihm vertraut, und sie macht ihm keine Angst mehr.
Er setzt sich auf den Boden, legt eine Hand auf die Brust und sagt sich innerlich den Satz, den er als Kind gebraucht hätte: „Du darfst Dich freuen, ich bin da.“
Dann ruft er seinen alten Studienfreund an, mit dem er seit diesem Jahr jede Woche telefoniert.
„Ich muss Dir was erzählen, hast Du kurz Zeit?“
Er merkt, wie sich die Spannung verteilt, statt sich zu stauen.
Später am Abend schreibt er der Frau, die er vor ein paar Wochen kennengelernt hat.
Früher hätte er seine Freude kleingeredet, aus Angst, sie könnte zu viel sein.
Jetzt schreibt er es einfach.
Sie antwortet frech, ob sie jetzt ein Autogramm brauche.
Der alte Thomas hätte sich erklärt und relativiert, bis nichts mehr übrig war.
Der neue grinst, lässt die Frage stehen und schlägt vor, dass sie es sich am Samstag persönlich abholt.
Die Spannung bleibt, und sie fühlt sich gut an.
An diesem Abend öffnet er keinen Browser.
Nicht, weil er es sich verbietet, sondern weil er es nicht braucht.
Seine Freude hat einen Ort gefunden, an dem sie sein darf: in ihm selbst und bei den Menschen, die er ins Leben gelassen hat.
Das Gefühl, das früher sein größter Rückfalltreiber war, ist zu dem geworden, was es eigentlich immer war: einfach Freude.
Und sein Leben fühlt sich wieder an wie ein guter Film.
Es gibt Spannung, es gibt Entspannung, und er muss den Hai nicht mehr in Minute zehn fangen, um den Rest des Films auszuhalten.
Wenn Du Dich in Thomas wiedererkennst und herausfinden möchtest, welche Gefühle bei Dir die Rückfälle antreiben, kannst Du Dich bei FreiVonX für ein kostenloses Erstgespräch eintragen.
Häufige Fragen
Wie kann ich mein Nervensystem trainieren, um von Pornos loszukommen?
Indem Du Gefühle dosiert zulässt, dabei geerdet bleibst und die Spannung immer wieder etwas länger hältst, statt sie sofort zu entladen.
Meditation und echte Kommunikation helfen dabei in zwei Richtungen: Spannung bewusst erhöhen und Spannung gesund regulieren.
Entscheidend ist die Häufigkeit, nicht die Intensität.
Warum fühle ich mich nach einem Rückfall kurz besser?
Weil die Ejakulation die angestaute Spannung schlagartig senkt und der Abstand zu Deiner Belastungsgrenze plötzlich groß ist.
Die Grenze selbst ist dabei nicht gewachsen.
Beim nächsten starken Gefühl stehst Du deshalb wieder an derselben Stelle.
Kann ich die Spannung nicht einfach mit Willenskraft aushalten?
Selten dauerhaft.
Wer sich den Rückfall nur verbietet, ohne seine Kapazität zu erweitern, steht oft unter Dauerstress.
Wirksamer ist es, knapp unterhalb der Grenze zu trainieren und sie so Schritt für Schritt anzuheben.
Was hat Spannung mit Anziehung zu tun?
Anziehung entsteht zwischen zwei verschiedenen Polen, ähnlich wie Spannung in einer Batterie aus dem Unterschied zwischen Plus und Minus.
Unsicherheit und Aufregung verstärken sie, weil das Nervensystem Erregung leicht als Begehren liest.
Wer diese Spannung halten kann, ohne sie sofort aufzulösen oder vor ihr zu flüchten, wirkt präsent und anziehend.
Warum stirbt in langen Beziehungen oft die Lust?
Häufig, weil Konflikte vermieden werden.
Wer sich aus Angst vor Streit anpasst, gibt seine Kontur auf, und die beiden Pole gleichen sich an, bis kaum noch Spannung zwischen ihnen ist.
Der Partner wird zum vertrauten Mitbewohner.
Konflikte, die erwachsen ausgetragen werden, halten dagegen den Unterschied lebendig, aus dem Begehren entsteht.
Was ist Ko-Regulation?
Ko-Regulation heißt, dass sich Dein Nervensystem beruhigt, weil ein anderer, ruhiger Mensch mit Dir in Verbindung ist.
Kinder regulieren sich fast ausschließlich so, und auch Erwachsene profitieren davon.
Ein einfacher Einstieg ist die Bitte: „Hörst Du mir kurz zu?“
Wie lange dauert es, bis das Training wirkt?
Das hängt davon ab, wie klein Dein Fenster für die jeweiligen Gefühle ist und wie regelmäßig Du übst.
Manche Männer merken schon nach einigen Wochen, dass sie in bestimmten Situationen weniger schnell unter Druck geraten, bei anderen dauert es länger.
Wissenschaftliche Quellen
- Siegel, D. J. (1999). The Developing Mind: Toward a Neurobiology of Interpersonal Experience. New York: Guilford Press.
- Porges, S. W. (2009). The polyvagal theory: New insights into adaptive reactions of the autonomic nervous system. Cleveland Clinic Journal of Medicine, 76(Suppl 2), S86 bis S90. https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/19376991/
- Laier, C., & Brand, M. (2017). Mood changes after watching pornography on the Internet are linked to tendencies towards Internet-pornography-viewing disorder. Addictive Behaviors Reports, 5, 9 bis 13. https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/29450222/
- Brand, M., Young, K. S., Laier, C., Wölfling, K., & Potenza, M. N. (2016). Integrating psychological and neurobiological considerations regarding the development and maintenance of specific Internet-use disorders: An Interaction of Person-Affect-Cognition-Execution (I-PACE) model. Neuroscience & Biobehavioral Reviews, 71, 252 bis 266. https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/27590829/
- Fiorillo, C. D., Tobler, P. N., & Schultz, W. (2003). Discrete coding of reward probability and uncertainty by dopamine neurons. Science, 299(5614), 1898 bis 1902. https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/12649484/
- Whitchurch, E. R., Wilson, T. D., & Gilbert, D. T. (2011). „He loves me, he loves me not …“: Uncertainty can increase romantic attraction. Psychological Science, 22(2), 172 bis 175. https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/21169522/
- Dutton, D. G., & Aron, A. P. (1974). Some evidence for heightened sexual attraction under conditions of high anxiety. Journal of Personality and Social Psychology, 30(4), 510 bis 517. https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/4455773/
- Westermarck, E. (1891). The History of Human Marriage. London: Macmillan.